{"id":274,"date":"2014-01-17T12:48:26","date_gmt":"2014-01-17T10:48:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/?p=274"},"modified":"2024-03-28T12:09:57","modified_gmt":"2024-03-28T10:09:57","slug":"musik-musikausbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/musik-musikausbildung\/","title":{"rendered":"Musik? Musikausbildung??"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2013\/08\/Germany.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-40\" alt=\"Germany\" src=\"http:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2013\/08\/Germany.jpg\" width=\"38\" height=\"24\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>Dies ist ein Beitrag, der im Jahr 2001 entstand f\u00fcr das Buch &#8220;Anf\u00e4nge&#8221; *) von Marion Saxer.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>Er beinhaltet drei Themen, die im Rahmen dieses Blogs eine Rolle spielen:<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>die Mehrstimmigkeit am Streichinstrument,<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>Intonation, Differenzt\u00f6ne\u00a0und Mikrotonalit\u00e4t,<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>erster Kontakt mit zeitgen\u00f6ssischer Musik<br \/>\n(B. A. Zimmermann, &#8220;<em>Vier kurze Studien&#8221;<\/em>)<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">*)<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\"><em>Anf\u00e4nge,<br \/>\n<\/em><em>Erinnerungen zeitgen\u00f6ssischer Komponistinnen und Komponisten an ihren fr\u00fchen Instrumentalunterricht<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">Herausgegeben von Marion Saxer. Wolke Verlag Hofheim 2003. ISBN 3-936000-08-5<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/01\/New-York-City-1967-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-276\" alt=\"New York City 1967\" src=\"http:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/01\/New-York-City-1967-.jpg\" width=\"743\" height=\"557\" srcset=\"https:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/01\/New-York-City-1967-.jpg 743w, https:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/01\/New-York-City-1967--300x224.jpg 300w, https:\/\/www.bach-bogen.de\/blog\/thecelloupgrade\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2014\/01\/New-York-City-1967--624x467.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 743px) 100vw, 743px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: x-small;\">Michael Bach Bachtischa, <b><i>New York City<\/i><\/b>\u00a0 (1967)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Michael Bach Bachtischa<\/b><\/p>\n<p><b>Musik? Musikausbildung??<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit 9 Lebensjahren, als frisch gebackener Cellosch\u00fcler der Jugendmusikschule Worms, hatte jede herannahende Cellostunde noch etwas M\u00e4rchenhaftes f\u00fcr mich. Musik als Ph\u00e4nomen an sich war bis vor kurzem noch gar nicht in mein Bewusstsein eingedrungen. Die Welt der Kl\u00e4nge war unbekannt, spekulativ, schwerelos, nicht greifbar, &#8211; und jetzo, mehr oder weniger per Zufall, von Au\u00dfen angeregt, weil als freiwilliges Fach angeboten, das den schulm\u00e4\u00dfigen Lernstoff bereicherte, sollte ich mich mit ihr fassbar auseinandersetzen? Es wurde eine \u201eCelloschule\u201d benutzt, ein Heft, das stufenweise Einblick in h\u00f6here Cellotechniken gew\u00e4hrte. Neugierig las ich vor und entdeckte eine \u00dcbung, die drei- und vierstimmige Akkorde beinhaltete. Noch heute sehe ich diese Akkorde, auf C-dur basierend, sehr deutlich vor meinem geistigen Auge. Das war eine \u00dcberraschung, mit so etwas hatte ich gar nicht gerechnet. Es waren beeindruckende Zeichen, die sich hoch auft\u00fcrmten. Ich malte mir aus, einen Effekt erzielen zu k\u00f6nnen, wie wenn vier Saiten auf einmal angezupft werden &#8211; nur eben viel klangvoller, da das Notenbild ja suggerierte, dass die Saiten gleichzeitig und kontinuierlich mit dem Bogen (Auf- und Abstrich) angestrichen werden sollten&#8230; Doch eine leise Unsicherheit mischte sich in die hoffnungsvollen Reverien: \u201eWie soll das blo\u00df gehen?\u201d dachte ich. Denn so viel war mir klar, eine L\u00f6sung dieser Aufgabe konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Um die verbleibenden Wochen bis zur Offenbarung, wie diese Akkorde gespielt werden sollten, abzuk\u00fcrzen, \u00fcbte ich etwas motivierter. Die Stunde kam, &#8211; aufmerksame Stille, &#8211; der Cellolehrer verk\u00fcndete: \u201eGanz einfach: spiele zuerst die unteren beiden Noten, dann die oberen zwei.\u201d -Ach du mein liebes Lieschen! Es dauerte einige Schrecksekunden bis ich begriff, dass das nun <i>alles<\/i> sein sollte. Irgendwie stand ich da wie ein begossener Pudel. Denn vollt\u00f6nende Akkorde am Cello hatte ich erwartet, und das sind sie auf diese Art und Weise kaum. Im Gegenteil, dieser Habitus der Akkordbrechung ist mit viel Ger\u00e4uschhaftem verbunden. Andererseits musste ich mir sagen: \u201eWas hast du eigentlich erwartet? Zauberei?\u201d Dass diese Aufgabe, richtige Akkorde zu spielen, mit dem zur Verf\u00fcgung stehenden Instrumentarium: gew\u00f6lbter Steg und gerader Bogen, nicht zu bew\u00e4ltigen war (betrachtet man den Sachverhalt unter rein geometrischen Gesichtspunkten), akzeptierte ich und lie\u00df es auf sich beruhen, &#8211; und \u00fcbte nach dieser Ern\u00fcchterung zum gerechten Ausgleich wieder etwas weniger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter stand die Teilnahme bei \u201eJugend musiziert\u201d an. Dass es im Reich der Musik derart beengende, auf gewisse Kriterien verengte Wettbewerbe gibt, befremdete mich anfangs, doch wurde mir diese Tatsache zun\u00e4chst erfolgreich eingetrichtert. Der damalige Musikschulleiter, selbst Geiger und \u00fcbrigens gl\u00fchender Verehrer von Flesch und Szeryng, \u00fcbernahm kurzerhand vom ehrw\u00fcrdigen Cellolehrer (ehemals Solocellist der Pf\u00e4lzischen Staatsphilharmonie) meine Vorbereitung hierzu. Was das praktisch bedeutete, stellte sich sofort heraus: an manchen Wochentagen um 5 Uhr in der Fr\u00fch aufstehen. Dann an der Unterrichtsst\u00e4tte gegen 6 Uhr Einzelunterricht bis zur ersten Schulstunde im Gymnasium. An schmerzende Augen bei Neonlicht, bet\u00e4ubte Ohren und von der Herbstk\u00e4lte steife Finger erinnere ich mich. Meine Erinnerungsnase meldet ihrerseits einen mit diesen Unterweisungen untrennbar verbundenen Rasierwasserduft vermischt mit einem adventlichen Mandarinengeruch des fortw\u00e4hrend fr\u00fchst\u00fcckenden Lehrers. Sonntags waren \u201emildere\u201d Zeiten angesetzt, daf\u00fcr aber l\u00e4nger, n\u00e4mlich von 8 bis 12 Uhr. Es galt die Parole: durchhalten oder aufgeben, und zwar auf beiden Seiten, auf der Seite des Lernenden, und der des Lehrenden.<\/p>\n<p>Ein Hauptthema dieser Unterweisung war Intonation. Die Korrekturen, oder sagen wir besser die Schreie \u201eZu hoch! Tiefer! Noch tiefer!! Zu tief!!!\u201d, die mich jedes Mal schon im Voraus zusammenfahren lie\u00dfen (das Gebr\u00fcll war im Wiederholungsfall um so \u00e4rger), leuchteten mir lange Zeit \u00fcberhaupt nicht ein, sie waren v\u00f6llig unkalkulierbar. Es stellte sich keine geh\u00f6rsm\u00e4\u00dfige Orientierung ein, die fein genug war, dem so gro\u00dfen \u00dcbel der falschen Intonation abzuhelfen: was nat\u00fcrlich voraussetzte, dass man ihr zu aller erst auf die Schliche kommen musste. Bis ich eines Tages scheinbar begriff (welch\u2019 Wunder, denn die br\u00fcsken Reaktionen des Lehrers wurden &#8211; sp\u00e4rlicher!?), dass das intonatorische Feingef\u00fchl mit der Obertonstruktur der Kl\u00e4nge zu tun hatte, d.h. gleicherma\u00dfen mit der optimalen Resonanz des Instruments. Ein Prinzip also, das auf der <i>reinen<\/i> <i>Stimmung<\/i> basiert. Auf einmal h\u00f6rte ich sozusagen auf einer h\u00f6heren Ebene, h\u00f6rte das obert\u00f6nige Zusammenklingen der gespielten Grundt\u00f6ne, ihr Zusammenpassen und -wirken. Auch bemerkte ich in der Folgezeit, dass Tonh\u00f6hen nicht absolut \u201erichtig\u201d sein k\u00f6nnen, sondern relativ sind, um so eher, je genauer man hinh\u00f6rte. Jahre sp\u00e4ter, konkret ausgel\u00f6st durch den Versuch Morton Feldmans vieldeutige mikrotonale, enharmonische Notationen zu deuten, besch\u00e4ftigte ich mich mit verschiedenen Tonsystemen erneut, wobei die systematische Darlegung der Partialt\u00f6ne am Cello ein haupts\u00e4chliches Ergebnis davon war. Die Untersuchung von Differenzt\u00f6nen, die \u201eZwischent\u00f6ne\u201d aus der Differenz zweier oder mehrerer Frequenzen, ist ebenfalls ein Ergebnis dieser H\u00f6rerfahrung. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum f\u00fcr Kunst und Medientechnologie Karlsruhe entstand in den 90er Jahren ein Computerprogramm, das speziell Differenzt\u00f6ne erkennt, synthetisch produziert und welches f\u00fcr eigene Kompositionen Verwendung findet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein drittes einpr\u00e4gsames Erlebnis war die erstmalige Besch\u00e4ftigung mit zeitgen\u00f6ssischer Musik. Unglaublich aber wahr: mein erster Besuch bei den <i>Darmst\u00e4dter Ferienkursen f\u00fcr Neue Musik 1976<\/i> musste weitgehend geheim bleiben. (Damals, als 18j\u00e4hriger Gymnasiast, war ich dort einer der j\u00fcngsten Teilnehmer und der einzige Cellostudent.) Ich wei\u00df auch nicht mehr, ob ich Professor Mantel, meinem damaligen Cellolehrer in Frankfurt, von meiner Absicht scheu erz\u00e4hlte. Warum? Weil die Neue Musik bei vielen Lehrern zu Unrecht im Verruf stand, gar noch immer steht, die hart erarbeitete Instrumentaltechnik zu verderben. Punkt. Mein Interesse an Neuer Musik wurde antizipatorisch von meiner Begeisterung f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Kunst gen\u00e4hrt. Die Vermutung lag ja nahe, dass wenn die zeitgen\u00f6ssische Produktion der visuellen Kunst, Architektur, Literatur usf. relativ anerkannt und spannend ist, dann kann es in der avantgardistischen Musik nicht viel anders aussehen\u2026 Von der Neuen Musik hatte ich keine Ahnung, die Vorurteile meiner Lehrer waren einfach zu stark, eben zu behindernd, als dass ich durch ihr Vorbild einen anregenden Zugang zur musikalischen Gegenwart h\u00e4tte erlangen k\u00f6nnen. Darmstadt war eine Offenbarung sondergleichen: Ich lernte neue Partituren zu lesen und auszuf\u00fchren, machte mich mit neuen Cellotechniken vertraut, traf <i>lebende<\/i> Komponisten jeglichen Alters!<\/p>\n<p>Das erste Solowerk, das mich in seinen Bann schlug, war Bernd Alois Zimmermanns <i>Vier kurze Studien<\/i> (komponiert 1970). F\u00fcr die zweite Studie mit Pizzicato-T\u00f6nen, worin ebenso Flageolett-T\u00f6ne gezupft werden sollten, erfand ich eine neue Pizzicato-Technik, die sich bis heute trefflich bew\u00e4hrt. Ich sah, dass es noch keine befriedigende Technik f\u00fcr diese neuartige spieltechnische Aufgabenstellung gab, dass zudem die mir anempfohlene Ausf\u00fchrung, oder sagen wir \u201eNotl\u00f6sung\u201d, in der N\u00e4he des Stegs zu zupfen, fragw\u00fcrdig, weil klanglich unzuverl\u00e4ssig und d\u00fcrftig, war. Die physikalische Analyse des Problems f\u00fchrte wie von selbst zu dessen Bew\u00e4ltigung: der Spieler zupft schlichtweg am anderen Ende der Saite, also hinter der linken Griffhand, was zugegebenerma\u00dfen ungew\u00f6hnlich und erlernungsbed\u00fcrftig ist. Man wird aber nach einiger \u00dcbung mit einem von Nebenger\u00e4uschen freien, schwebend glockenreinen Klang belohnt. (Die Spielanweisung in den Noten hei\u00dft ausdr\u00fccklich \u201eklingen lassen\u201d.) Als ich, noch im Herbst des Jahres 1976 in einem Konzert in Worms dieses Werk spielte, waren viele meiner Anh\u00e4nger aus der vertrauten Zuh\u00f6rerschar entsetzt. Zum ersten Mal musste ich erfahren, dass das Eintreten f\u00fcr Neues, das ich f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich und verdienstvoll hielt, von konventionellen, biederen Zeitgenossen unmittelbar aggressiv geahndet wurde. Einer meiner Lehrer am Gymnasium f\u00fchlte sich sogar bem\u00fc\u00dfigt, mir kurz darauf das Buch <i>Musikalische Umweltverschmutzung<\/i> von Peter Jona Korn zu schenken, auf dessen Cover, Industrieschlote imitierend, rauchende St\u00fcrze der Blechblasinstrumente abgebildet waren. Der Erzieher hoffte, ich w\u00fcrde meinen Irrweg verlassen &#8211; noch war ich ja erst am Anfang desselben &#8211; und mich durch die Polemiken des Buchs &#8211; in seinen Augen gewiss \u201eWahrheiten\u201d &#8211; \u00fcberzeugen lassen. Ich las die unterhaltsame Lekt\u00fcre am\u00fcsiert und dar\u00fcber verwundert, wie es zu so vielen Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen, die \u00fcberdies die Ehre hatten, noch mit erheblichen Aufwand gedruckt zu werden, \u00fcberhaupt kommen konnte. \u201eZu sp\u00e4t f\u00fcr euch, leider zu sp\u00e4t\u201d, dachte ich \u201eWie gut, dass meine Absicht, die Darmst\u00e4dter Ferienkurse zu besuchen, verheimlicht worden war. Sonst h\u00e4tte man mich erst gar nicht ziehen lassen.\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein Beitrag, der im Jahr 2001 entstand f\u00fcr das Buch &#8220;Anf\u00e4nge&#8221; *) von Marion Saxer. Er beinhaltet drei Themen, die im Rahmen dieses Blogs eine Rolle spielen: die Mehrstimmigkeit am Streichinstrument, Intonation, Differenzt\u00f6ne\u00a0und Mikrotonalit\u00e4t, erster Kontakt mit zeitgen\u00f6ssischer Musik (B. A. 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