Urtext = Klartext? – eine Analyse der Sarabande in d-moll, Teil 2 (Takt 11-20)

Germany

 

Michael Bach

Dies ist der zweite Teil der Analyse der

Sarabande in d-moll

 

 

Glossar und Faksimile der Abschrift von AMB siehe Analyse Teil 1:
http://www.bach-bogen.de/blog/thebachupdate/urtext-klartext-eine-analyse-der-sarabande-in-d-moll-teil-1-takt-1-10

 

Sarabande d 11-16 003

Notenbeispiel T 11-16

 

T 11

Plötzlich antwortet nur eine einzelne Note auf die Spannungsakkorde, das vermisste e3! Diese Note ist nun die Auflösung des Quartvorhalts f3 der ZD aus dem Vortakt. Unmittelbar danach erscheint wieder die Note f3: Ist dies ein erneuter Quartvorhalt – oder bereits der Grundton der tP? Ein großer Intervallsprung nach unten zur Baßnote c2, und dann zum g2, bestätigt hingegen die ZD der tP. Der Quartvorhalt wird anschließend wieder zu e3 aufgelöst.

T 12

Der Oktavsprung f3 zu f2 beschließt die erste Satzhälfte mit der tP.

T 13

Die an die Note f3 angebundene Note es3 suggeriert die Septim der tP: Wird die tP jetzt zur ZD der sP mutieren, die sodann auf der 2. Zz erwartet werden darf? Die Auflösung wäre dann das Intervall d3-b3.

Statt dessen werden die Noten es3 und a3 nicht aufgelöst und die Oberstimme erhält einen Triller mit der Note b3. Ist die Note es3 nun die kleine Sext des Neapolitaners und b3 dessen Terz? Vertritt die Note a3, als Terz, immer noch die tP?

Interessant ist hier die freistehende 1/8-Note b3 (ohne Unterstimme). Damit wird dezidiert vermieden, daß die Note d3 im Folgetakt als die unmittelbare Auflösung (zur sP) der Note es3 empfunden werden kann – die beiden Tonhöhen werden voneinander separiert.

T 14

Trotzdem bleibt die Frage bestehen, ob die Auflösung zur sP in diesem Takt doch noch erfolgen wird, d. h. ob die Note d3 zur Terz der sP wird. Die beiden 1/16-Noten der Oberstimme sind wieder gebunden, so daß die Baßnote d3 mit der Note b3 zusammen angespielt wird. Dies könnte die erwartete Auflösung des Tritonus es3-a3 vom Vortakt bedeuten. Übrigens: neben der Auflösung zur sP wäre der Trugschluß zur Moll-Sub ebenso möglich.

Aber nein, nichts dergleichen tritt ein, denn es erklingt in der 2. Zz plötzlich die Terz fis3, die Terz des Intervalls d3-c4 der 1. Zz (Dieser Vorgang ist in etwa vergleichbar mit der „nachgelieferten” Terz e3 in T 11). Verdeckt wird das fis3 allerdings, „in vertrauter Manier”, durch den Triller mit der Note g3. D. h. die Moll-Sub, als Auflösung, wirft ihre „Schatten voraus”. Die nachfolgende 1/16-Note es3 könnte entweder die None der ZD der Moll-Sub sein oder bereits die kleine Sext der Moll-Sub, also des Neapolitaners.

Anmerkung

Die Wiederholung der 2. Satzhälfte, läßt den harmonischen Kontext sich ein wenig anders entwickeln. Die Terz f3-a3 des T 13 wird nun, nach der Rückkehr zu d-moll im Schlußtakt, als der Moll-Tonika angehörend aufgefaßt. Die 1/8-Note es3 und der Triller mit a4 und b4 wird nicht mehr mit der tP in Verbindung gebracht. So könnte in der Wiederholung durchaus im T 14 die Baßnote g2 als Grundton der Moll-Sub erscheinen. Mit anderen Worten, der Beginn der 2. Satzhälfte hat beim zweiten Mal einen konsistenten Moll-Charakter, der harmonisch weniger bewegt ist.

T 15

Wie in T 3 scheint mit den Noten b2 und g3 die Moll-Sub sich zu etablieren. Doch mit den sich hoch aufbäumenden Intervallen der Noten a2, fis3 und es4 ersteht erneut deren ZD als D9-Akkord. (Dies demonstriert einen enormen Unterschied zur indifferenten Tonfolge in T3.

T 16

Dessen Auflösung zur Moll-Sub folgt mit dem Akkord g2-d3-b3 der 1. Zz – wäre da nicht der Triller mit der Note c4! Denn eine Auflösung besitzt traditionellerweise keinen Triller. Demnach wird die harmonische Entwicklung noch weiter geführt und findet hier noch keinen Abschluß. Die ZD der Moll-Sub bleibt mit der Septim c4 und der nachfolgenden 1/8-Note a3 gegenwärtig. Eine mögliche Auflösung, wenn auch sehr unauffällig, könnte in der Note g3 der 3. Zz gesehen werden.

 

Sarabande d 17-20 004

Notenbeispiel T 17-20

 

T 17

Die Note e3, anstelle der zu erwartenden Note es3 (kleine Sext der Moll-Sub), überrascht nach den vorausgegangenen „es”-Noten. Sie bildet mit der Note b2 einen Tritonus (ZD), der sich in der 2. Zz mit den Noten a2-f3 auflöst, also doch noch einmal zur tP.

T 18

Die Note d3 mutet, ebenso wie die Note e3 des Vortakts, wie eine Terz an, hier diejenige der sP. Der Hörer antizipiert deshalb einen weiteren Quintfall von der tP zur sP. Jetzt aber überrascht die nachfolgende Note as2, da sie nicht leitereigen von der sP ist. Sie bildet mit der vorangegangenen Note d3 einen weiteren Tritonus, wodurch aus der sP die ZD von Es-dur entsteht. Oder umgedeutet, Es-dur könnte die Gestalt des Neapolitaners annehmen (Moll-Sub mit kleiner Sext „es” anstelle der Quint „d”), was prompt mit dem Tonschritt g2 und es3 in der 2. Zz geschieht.

T 19

Die Note cis3 führt eindeutig wieder eine Terz ein, hier diejenige der Dom. Somit hat sich die Moll-Sub, respektive der Neapolitaner, erneut in die Dom verwandelt. Interessant ist, daß die Note cis3 keinen Triller erhält: JSB möchte diesmal die Dom unzweideutig etablieren (vgl. T4).

T 20

Auch dieser Takt steht unangefochten in der Dom. Ein 2er-B akzentuiert ihren Grundton a2.

Anmerkung

Bemerkenswert ist, daß die letzten 5 Takte keine Bindebögen aufweisen. Dies bedeutet, daß über einen längeren Zeitraum hinweg keine Tonhöhen hervorgehoben werden, was dem suchenden Charakter der Tonfolgen bis zu T 19 entspricht. Mit dem Erscheinen der Dom geschieht ein „Erwachen”, gekennzeichnet durch das große Intervall nach oben (cis3-b3) und die beginnende 1/16-Bewegung. Die beiden Te 19f festigen die Dom, bevor es harmonisch wieder kompliziert wird.

 

 

 

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