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25 Jahre BACH.Bogen

 01 BACHBogen 25

Präsentation mit Michael Bach im KlangRaum Stuttgart am 01. Dezember 2013

Mit freundlicher Unterstützung der Landeshauptstadt Stuttgart und der Stiftungen der Landesbank Baden-Württemberg.

Mein Dank gilt insbesondere auch Dr. Ewald Liska und dem Team des KlangRaum.

 


[Michael Bach spielt die „Sarabande” in d-moll von J. S. Bach]

video

[Applaus]

 

Liebe Gratulanten!  [Publikum lacht]

Ich habe Ihnen gleich zu Beginn die „Sarabande” in d-moll von J. S. Bach vorgespielt, damit Sie einen Eindruck vom Klang des BACH.Bogens haben und wissen, worüber ich jetzt reden werde.

Ein Bonmot von George Mallory verdeutlicht den Sachverhalt auf ganz einfache Weise und bringt ihn auf den Punkt, ein Sachverhalt, der auch auf den Rundbogen zutrifft: Er antwortete vor 100 Jahren auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle, mit: “Because it is there.” (Zu deutsch: „Weil er da ist.”)

Schließlich hat jedes Streichinstrument vier Saiten, gerade ausreichend für einen vierstimmigen Satz. Die linke Griffhand hat auch 4 bis 5 Finger, die „einsatzfähig” sind. Also warum nicht dieses Klangpotential heben? „Es ist doch da.” („It is there.”)

Dazu noch ein passendes Zitat von Edmund Hillary, der den Mount-Everest dann als Erster bestieg: „It is not the mountain we conquer, but ourselves.” (Zu deutsch: „Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen – wir bezwingen uns selbst”.)

Also, da kann man nur sagen: hier ist uns ein vorbildlicher Künstler im „Lager” der Bergsteiger verloren gegangen  [Publikum lacht]. Wie sieht es aber im „Lager” der Künstler selbst aus, mit ihrer Motivation. Sind diese auch so getrieben von einer Neugierde und Wissbegierde? Darüber werde ich heute nicht reden, denn das wäre eine lange Geschichte.

*

Es ist merkwürdig: der Wunsch, Akkorde am Cello zu produzieren, war mir während der Ausbildung einfach „abhanden gekommen”. Ich hab’s gar nicht bemerkt. In einem Text “Musik? Musikausbildung?? ” für das Buch Marion Saxers mit dem Titel „Anfänge” (Wolke Verlag, Hofheim), worin Komponisten ihre ersten musikalischen Gehversuche schildern, meist anhand eines Instruments, habe ich darüber geschrieben.

Man muß wissen, der heute gebräuchliche Bogen sieht so aus:

[zeigt geraden Bogen]

Er ist mehr oder weniger gerade, so daß man mit ihm nur in einer Ebene streichen kann. Die 4 Saiten verlaufen aber auf einem gekrümmten Steg, so daß folglich max. nur 2 Saiten berührt werden können.

02 Steg konkav -

Ich schilderte in diesem Buch mein blankes Entsetzen, als mir der Cellolehrer eröffnete: „Du spielst zuerst die beiden unteren Saiten und dann die beiden oberen.”

[demonstriert am Cello]

Man wird sich jetzt fragen, warum ist das denn so schlimm? Ganz einfach: wir haben es doch mit „Musik” zu tun! Und wenn ein Akkord geschrieben steht, dann erwartet man etwas Klangvolles. Das sogenannte Brechen (man könnte auch sagen: „Erbrechen”, Klammer zu) der Akkorde in zwei Teile ist mit viel Geräuschhaften verbunden. Man kann behaupten, es kommt geradezu das Gegenteil von dem dabei heraus, was notiert ist und suggeriert wird.

*

Lange Zeit später wurde ich durch ein Werk Walter Zimmermanns wieder auf die Mehrstimmigkeit am Cello gestoßen. Das war im Frühjahr 1989. Damals hätte ich auch so reagieren können: „Lieber Walter, leider habe ich keinen Rundbogen, wenn du mir keinen schnitzt, war’s das halt. War schön, dich mal wieder gesehen zu haben.”

03 Steg konvex -

Walter Zimmermann brauchte die Mehrstimmigkeit, um in seinem Stück „Tyche“, was soviel bedeutet wie Schicksal oder Fügung, Einzeltöne eines Akkords unvorhersehbar in Obertöne kippen zu lassen. Das ist ein Vorgang, der sich der 100%-igen Kontrolle durch den Spieler entzieht:

WaZi Tyche Ausschnitt -

[spielt Klangbeispiel “Tyche”, zuerst einstimmig, dann mehrstimmig]

Mit nur einem oder zwei Tönen wäre dieser Vorgang kontrollierbarer. Diese Unschärfe ist bedingt einerseits durch die Griffhand, andererseits durch den Rundbogen, der ja für jeden Ton einer Saite die optimale Kontaktstelle benötigt, bei 4 Saiten aber immer einen Kompromiss finden muß.

Nun war’s geschehen, ich suchte nach einem Rundbogen, – fand aber keinen. Die Frage war damals doch berechtigt: Warum gibt es diese „Dinger” nicht? Heute weiß ich: weil die Konstruktion eines Rundbogens eine „etwas komplizierte” Angelegenheit ist.

Der gerade Bogen, eigentlich ein konkaver Bogen, dessen Bogenstange nach innen gebogen ist, also in seiner Mitte die Bogenhaare fast berührt, ist eine rein technische Erfindung.

[zeigt konkaven Bogen]

Die Perfektionierung des im 18. Jhdt. gebräuchlichen Bogens war eine logische Konsequenz. Für eine bessere Spielbarkeit konnte die Verlegung des Schwerpunkts des Bogens in Richtung Saite, also so tief wie nur irgend möglich, nur von Vorteil sein. Außerdem erhöhte sich dadurch die Spannung der Haare und die Federwirkung (für geworfene, springende Striche). Um einen solchen Gedanken ins Auge zu fassen, muß man nicht zwangsläufig ein Streichinstrument selbst spielen können. Denn die Handhabung dieses konkaven Bogens unterscheidet sich kaum von derjenigen seiner ebenfalls relativ flachen Vorgängermodelle.

Beim Rundbogen sieht das völlig anders aus.

Hier gibt es gleich mehrere Problemfelder. Sie müssen sich jetzt nicht alles merken, ich sag’s nur mal:

04 BB Schwerpunkt--
flacher und hoher BACH.Bogen mit markiertem Schwerpunkt

1. der hohe Schwerpunkt (flach < 4 cm, hoch 6 cm),

2. Material, Gewicht, Federeigenschaften,

3. die Bedienung des Hebels zur Regulierung der Haarspannung,

4. die Kontrolle des Bogens in allen 3 Achsen,

5. die Grifftechnik der linken Hand bei 3- bis 4-Stimmigkeit,

6. der erhöhte Kraftaufwand insgesamt.

Um es gleich vorweg zu nehmen, selbst wenn diese Problemfelder bereits zu Beginn der Entwicklung relativ klar umrissen waren, so ergaben sich doch unverhofft auch Vorteile, die nicht antizipierbar waren und die sowohl die Einstimmigkeit als auch die Mehrstimmigkeit betreffen:

1. eine Erweiterung des Klangreichtums und Obertonspektrums,

2. infolgedessen eine größere Modulationsbreite des Tons,

3. eine größere Bandbreite in der Lautstärke, auch im einstimmigen Spiel, wie gesagt,

4. eine schärfere artikulatorische Deutlichkeit,

5. eine Erleichterung des zweistimmigen Spiels gegenüber dem konkaven Bogen,

6. eine entspanntere Spielweise bei Einzelakkorden,

7. eine flexiblere und differenziertere Handhabung im entspannten Zustand (Haare locker).

Sie sehen, das sind eine ganze Reihe von Vorteilen, die sich einstellten. Aber erst, nachdem der Rundbogen perfektioniert war, vorher nicht.

05  BB 1990 -
BACH.Bogen Nr. 1 (1990)

Nun ja, ich hatte jetzt meinen Rundbogen 1990, spielte diesen aber nicht lange, denn er besaß komplett alle erwähnten Nachteile und folglich keine Vorteile, außer die Ermöglichung der Mehrstimmigkeit per se.

Trotzdem führte ich Walter Zimmermanns Werk im Mai 1990 damit auf und stellte im Sommer diesen Rundbogen John Cage in Darmstadt vor. Für das Werk John Cage’s „ONE8 and 108” für Cello und großes Orchester, hier in Stuttgart 1991 uraufgeführt, …

06 Cage  Bach 1991 UA --
John Cage und Michael Bach nach der Uraufführung 1991

… benutzte ich allerdings schon 2 Nachfolgemodelle, einen flachen und einen hoch gewölbten Rundbogen für 3 oder 4 Saiten. Damit war eine kleine Erleichterung geschaffen, aber noch lange nicht der Durchbruch erzielt.

07 BB 2 und 3--
BACH.Bogen  Nr. 2 und Nr. 3 von 1991

Die Entwicklung eines praktikablen Rundbogens war, wie ich andeutete, außerdem eng mit der Spieltechnik der Griffhand verknüpft. Wen wunderts? Weil die linke Hand die Töne ja greifen muß, damit sie mit dem Rundbogen angestrichen werden können. Als Vorstudie zur Komposition John Cages entstanden meine Fingerboards. Das sind Pappstücke, die die Fingerkonstellationen der linken Hand abbilden.

08 FB I  4 strings -
Ein „Fingerboard” aus der Serie I (1990)

Zuerst entstand eine Serie mit nur 3 „Fingerboards“. Dann wurde mir klar, am nächsten Tag, daß das noch keine erschöpfende Beschreibung aller möglichen Griffweisen darstellen kann. So entstand eine weitere Serie mit 47 „Fingerboards” und eine dritte mit 45 „Fingerboards“. Letztere ist in meinem Buch „Fingerboards & Overtones“  (edition spangenberg München, später Bärenreiter-Verlag Kassel) abgebildet.

09 FB III - 1+2 -
Die ersten beiden „Fingerboards” der Serie III (1990)

Diese Serie III zeigt die Funktionsweise der Griffhand und legt das anatomische Funktionsprinzip frei. Auch dies war eine Studie, die noch nie unternommen worden war. Das liegt daran, daß es erst bei 4 Saiten kompliziert wird.

10 Fingerkonstellationen -
Fingerkonstellationen auf 2, 3 und 4 Saiten

Man sieht: 1 „Fingerboard” für 2 Saiten, 6 „Fingerboards” für 3 Saiten und 38 „Fingerboards” für 4 Saiten. Also, je mehr Saiten gegriffen werden, um so komplizierter und umfangreicher wird die Beschreibung der Fingerkombinationen und -streckungen. Der Rundbogen stellt also neue Herausforderungen an die Griffhand.

 *

Im April 1991 flog ich nach NYC und erarbeitete direkt mit John Cage das gesamte Werk „ONE8“.

11  Cage ONE8 Titelseite -
Titelseite von „ONE8“

Es besteht aus 53 Einzelklängen, die 1- bis 4-stimmig sind und auch meine Technik des Obertonspiels bis zum 32. Partialton anwendet. Es gibt z. B. Klänge, wie diese:

ONE8 Klangbeispiele[spielt Klangbeispiele aus „ONE8“]

Als wir gerade mit der Komposition fertig waren, kam Nam June Paik vorbei und wir führten ihm diesen letzten vierstimmigen Klang aus „ONE8” vor.

Während auf diese Art „ONE8” ein Abbild der verschiedenartigsten Klänge am Cello ist, – die Ausgangsfrage war ja: „Was kann am Cello, unter Verwendung des Rundbogens, alles gegriffen werden?”, so ist das letzte Werk, das ich mit John Cage ausarbeitete, „ONE13“, konträr angelegt.

12  Cage MBB ONE13 Titelseite -
Titelseite von „ONE13“

Hier war die Frage: „Auf wieviele Arten kann eine einzige Tonhöhe gespielt werden?” Dieses Stück besteht aus nur 7 Tonhöhen, die nacheinander folgen und beleuchtet werden. Z. B. die Tonhöhe g” hat 101 Griffmöglichkeiten am Cello. Ich nehme jetzt aber die Tonhöhe a’ wegen der 4-Stimmigkeit. Nicht alle Tonhöhen lassen sich 4-stimmig spielen:

ONE13 Klangbeispiele

[spielt Klangbeispiele für unterschiedliche Griffe von a’]

John Cage und ich waren von dem paradoxen Vorgang fasziniert, den Rundbogen in „ONE13” dazu zu benutzen, einen „Einklang”, also Primen zu produzieren, wo er doch für mehrstimmige Klänge geschaffen worden war. Die Konzentration auf nur eine einzige Tonhöhe schärft das Bewußtsein für alle anderen Parameter eines Klangs. Aber letztlich ist die Tonhöhe selbst nie konstant und, aufgrund der Einbeziehung der Obertöne, mikrotonal schwankend.

Und so zeigte sich auch, daß der Rundbogen selbst in der Einstimmigkeit dem konkaven Bogen überlegen ist, denn dieser hat für die Tonhöhe g” nur noch 81 Griffmöglichkeiten. Nimmt man die von mir entwickelten Obertontechniken heraus, dann sind es in etwa nur noch 50 Griffe, also die Hälfte von 101. Aber immerhin, das Klavier hat für diese Tonhöhe nur eine einzige Taste.

 *

Mit diesen beiden Rundbögen spielte ich auch die Uraufführung von Dieter Schnebels Werk für Cello und Stimme „Mit diesen Händen” bei der „Heinrich Böll Woche” in Köln 1992.

13  Schnebel Probe Köln 1992 -- Michael Bach und William Pearson bei einer Probe mit dem WDR im Kölner Gürzenich 

Trotzdem, daß auch Dieter Schnebel und ich zusammen gearbeitet hatten, gab es doch noch ein hartnäckiges Problem, das ich gehofft hatte, im Verlauf der Jahre bewältigen zu können. Gerade in einem Satz dieses Stücks, der konsequent vierstimmig ist, und den ich anfänglich auch so spielte, wurde mir – „bewußt” ist definitiv das falsche Wort – schmerzhaft die Erkenntnis „eingetrichtert”, daß kräftemäßig die Herausforderung an die Griffhand, selbst für mich mit großen Händen, nicht zu stemmen war. Das war einfach nicht „in den Griff zu kriegen”.

14  MdH Titelseite -
Titelseite von „Mit diesen Händen“

So habe ich Dieters Werk leicht bearbeitet in dem Sinne, daß ich die permanente Vierstimmigkeit an Stellen reduziert habe zur Dreistimmigkeit, oder manchmal gar zur Zweistimmigkeit, um die Finger kurzfristig zu entlasten.

Gleichzeitig war das ein „musikalischer” Zugewinn, weil die Klangqualität eines zwei-, drei- oder vierstimmigen Zusammenklangs vernehmbar anders ist, wie Sie z. B. gleich zu Beginn des Stücks hören können:

[spielt die ersten Takte von „Text I” aus „Mit diesen Händen” von Dieter Schnebel]

Dieter Schnebel war mit dieser Version von mir sehr einverstanden.

*

Das leitet nun über zu einem Werk Niccolò Paganinis, das ebenso permanent 4-stimmig ist: das „Capriccio“ von 1828.

15  Paganini-Capriccio
Erste Seite des „Capriccio” 1828 von Niccolò Paganini

Man erkennt, daß es auf 4 Notensystemen notiert ist, so, wie ein Streichquartett.

Um es spielen zu können, löste Paganini dafür den Frosch von der Bogenstange, legte die Haare über die Saiten und führte die Bogenstange unter der Geige durch:

16  Paganini Technik --
Paganini Technik

Das ist aber eine ziemlich „haarige” Angelegenheit  [Publikum lacht]. denn bei der Vorbereitung dieser Spieltechnik hat man ständig die Bogenhaare da, wo man sie überhaupt nicht gebrauchen kann und auch wieder nur mühsam wegbekommt: in den Feinstimmern, verhakt am Saitenhalter oder in den Stimmwirbeln.

Nachteile dieser Spieltechnik sind:

1. es ist ziemlich umständlich, den Frosch ab- und anzuschrauben,

2. sie erlaubt nur eine durchgehende 4-Stimmigkeit und

3. die Bogenhaltung läßt kein differenzierteres Spiel zu.

Der Vorteil:

eine kuriose Optik, die immer ein Spektakel ist.

Der Jazz-Geiger Joe Venuti, der diese Spielart auch praktizierte, nannte sie: the „loose-bow-fiddle-technique”

Übrigens hat sich noch kein Geiger an diesem “Capriccio” versucht: es ist offensichtlich auf der Geige unspielbar.

[spielt „Capriccio” von Paganini]

[Applaus]

Wie dem auch sei, diese Paganini-Methode kann man am Cello nicht praktizieren. Das Cello ist viel zu „dick” und der Bogen sogar noch kürzer als der Geigenbogen. Deshalb hat eine andere „Technik”, in Anführungszeichen, von sich hören lassen, nämlich 4 Saiten mit 2 konkaven Bögen anzustreichen, einer über den Saiten und einer unter den Saiten. Das nenne ich einen „Schildbürgerstreich”, der aus der Not heraus geboren ist.

[versucht, mit der “2 Bogen-Technik” den Anfang des „Capriccio” zu spielen]

[Publikum lacht]

Diese Technik hat eigentlich nur unüberbrückbare Nachteile:

1. es ist noch viel umständlicher, 2 Bögen zu benutzen,

2. die 4-Stimmigkeit ist ziemlich unstabil,

3. der Klang des 2. Bogens unter den Saiten ist gequetscht,

4. die Handhabung ist brutal und undifferenziert,

5. es muß noch dazu das doppelte Gewicht bewegt werden.

Wenn man bedenkt, wie wahnsinnig pingelig Streicher sind, wenn es um die Spieleigenschaften und das Gewicht nur eines Bogens geht, dann ist diese „Technik” völlig indiskutabel. Eine Bach-Suite kann man damit nicht „in Angriff nehmen”, auch nicht „krampfhaft”. Und die Werke, die für den Rundbogen geschrieben wurden, auch nicht.

Ob die aus meiner Sicht erbärmliche Optik ein Vorteil ist, darauf möge jeder sich selbst seinen eigenen Reim machen.  [Publikum lacht]

An letzteren beiden Beispielen kann gezeigt werden, was instrumentaltechnisch und kompositorisch aus meiner Sicht keine Weiterentwicklung oder Verbesserung bedeutet. Denn mit diesen Techniken wird das Instrumentarium speziell auf einen einzelnen Effekt hin verändert. Man muß diese Veränderung rückgängig machen, wenn andere klangliche Resultate erzielt werden sollen. Mein Verständnis von einer Perfektionierung eines Instruments zielt genau in die andere Richtung: eine möglichst breite Palette an Klanglichkeit anzustreben. Der heutige BACH.Bogen, in seinen beiden Ausformungen, ist das Ergebnis hiervon.

*

Nun, der Gang meines Vortrags hat mich noch nicht dazu kommen lassen, die Begegnung mit dem Violinvirtuosen Rudolf Gähler zu erwähnen. Ich hatte seine Bogenforschungs-gesellschaft bereits im Sommer 1990 kontaktiert und ein erstes Treffen fand wohl im Herbst statt. Da erfuhr ich dann zum 1. Mal, daß es Bestrebungen seit Anfang des 20. Jhdts gab, die Geigensolowerke Bachs mit einem Rundbogen aufzuführen. Das ging auf Albert Schweitzer zurück, der schon in seinem Bach-Buch von 1905 diese Forderung aufstellte und der zeitlebens ein glühender Verfechter des Rundbogenspiels war.

18a Schweitzer-Telmányi -
Emil Telmányi und Albert Schweitzer, 1954

Ich lernte auch etliche Rundbogenmodelle aus der Privatsammlung Rudolf Gählers kennen. Da wurde mir klar, daß der Cellorundbogen, den ich spielte, diesen Modellen nachgebildet war. Klar war auch, daß die spieltechnischen Probleme am Cello weitaus verschärft sind, die andere Haltung, der andere Spielwinkel des Bogens und der erhöhte Kraftaufwand müßten eigentlich andere konstruktive Lösungen nach sich ziehen.

Auch gab mir Rudolf Gähler Cassettenaufnahmen jener Geiger, die mit ihren verschiedenen Rundbogenmodellen J. S. Bach spielten. Das wirkte auf mich wie eine Vitaminspritze. Denn hatte ich im Sommer 1990 noch in Berlin bei einem Seminar, wo übrigens Dieter Schnebel bereits anwesend war, noch behauptet, nie würde ich J. S. Bach damit spielen wollen, so war ich nun durch diese Geigenkonkurrenz in Zugzwang geraten. Denn der mehrstimmige Geigenklang in diesen Aufnahmen begeisterten mich, obwohl deren Spiel mit dem Rundbogen, erst Recht aus heutiger Sicht, doch noch unvollkommen war. Erst Jahre später hat Rudolf Gähler mit seinen eigenen CD-Aufnahmen einen hohen Standard für ein virtuoses Rundbogenspiel geliefert.

[spielt am Cello den Anfang der „Chaconne” für Violine von J. S. Bach]

 *

Doch, ich tat mich schwer, die Frage der Neukonstruktion wirklich anzugehen, weil ich erahnte, was auf mich zukommen würde, mit einem womöglich „offenen Ende” sozusagen. Auf halber Strecke wollte ich doch nicht stecken bleiben, nach dem Motto: „wenn schon, denn schon”. Am Ende wollte ich ein perfektes Instrument in Händen halten, das dem traditionellen Bogen in nichts nachstehen sollte. Ich zögerte deshalb noch.

Zunächst forderten noch andere Aufgaben meine Aufmerksamkeit, z. B. ausgelöst durch den Tod John Cages und das Schicksal des letzten Werks “ONE13“, das er mit mir begonnen hatte, die Arbeit an einem Differenztonprogramm mit Pierre Dutilleux am ZKM Karlsruhe z. B., oder auch die Saiteninstallationsprojekte zusammen mit Renate Hoffleit (die erste Saiteninstallation war anläßlich der Donaueschinger Musiktage 1994).

19  Die Zeit 1994 -
Die Zeit 1994

Aber dann war es doch soweit, im Frühjahr 1995 begann ich in Irland die ersten Skizzen und Modellzeichnungen anzufertigen.

20  BB Skizze 1995 05 22 ---
Skizze BACH.Bogen, 1995

Die Absicht war, auf dem bisherigen Hebelprinzip aufbauend eine weitere Optimierung anzustreben. Ich suchte also nach kräftesparenden Hebelbewegungen und -formen. Z. B. das Problem, daß ein längerer Hebel gleichzeitig größere Auslenkung verursacht, auch das war ja zu vermeiden. Der spieltechnische Aufwand sollte so gering wie möglich sein: wenig Kraft und gleichzeitig wenig Bewegung. Aber mechanisch gesehen, war da nichts zu machen. So wie das „Perpetuum mobile” nicht existiert, so konnte ich auch keine „physikalische Arbeit” einsparen.

Auch Materialfragen wurden von mir bearbeitet, z. B. Kohlefaser. Auch Designvorstellungen spielten eine große Rolle. Denn, sagen Sie selbst, dieses Rundbogenmodell, von dem ich aus startete, ist es optisch überzeugend? So wie es aussieht, funktioniert es auch: nämlich schlecht. „Form follows function” ist leicht gesagt, aber schwer umgesetzt.

 *

Anfang 1997, nach 1½ Jahren Forschungsarbeit und weiteren Prototypen, hatte ich dann ein ausführliches Gespräch mit Luigi Colani in Köln. Er wollte sich in die Weiterentwicklung meines Rundbogens einbringen. Leider kam es dann doch nicht dazu. Er hatte sogar eine geniale Idee, der Bogen sollte beim ein- bis zweistimmigen Spiel gerade sein und beim 3- bis 4-stimmigen Spiel eine ausreichend starke Krümmung annehmen. Doch wie das bewerkstelligen? Eine richtig Buckminster-Fullereske Idee war das.

Colani empfahl mir auch, zusätzlich Rückhalt bei meinen Kollegen zu suchen. Das versuchte ich auch. Aber man kann „sich die Augen reiben”, der einzige „Kollege” von allen, die ich kontaktierte, der mir antwortete, war einer, der mich nicht kannte: Mstislaw Rostropowitsch. Er schrieb: „Please come to Kronberg and show me your fiddle stick.”  [Publikum lacht]

Sie haben also verstanden, zu deutsch: “Kommen Sie bitte nach Kronberg und zeigen Sie mir Ihren Fiddelstock.” Sie sehen auf dem Foto in Kronberg, aufgenommen von Renate Hoffleit, u. a. auch Marta Casals-Istomin. Das war im Herbst 1997 …

21  Rostro Kronberg --
Kronberg 1997

… und der Beginn einer 4-jährigen Entwicklungsarbeit, die Rostropowitsch intensiv verfolgte.

Viele Freunde hatten mich gewarnt, „Bloß nicht! Dieser Rostropowitsch ist unzuverlässig und hält keine Termine ein”, etc. Aber dieses Gerücht bewahrheitete sich glücklicherweise nicht. Um Ihnen ein anschauliches Beispiel zu liefern, das ging in etwa so: Ich wählte Rostropowitschs Tel.Nr. in Paris. Nachdem ich seine russische Haushälterin, die kaum einen Brocken Französisch hervorbrachte, von der Dringlichkeit meines Anrufs irgendwie überzeugt hatte, kam dann er ans Telefon: „Come to Berlin. Ich da am soundsovielten.” Ich: „Alles klar.”

So „groß” Berlin auch sein mag, ich rief postwendend bei den Philharmonikern an: „Probe mit Lorin Maazel am soundsovielten.” Ich mußte beim Orchestervorstand oder Fünferrat der Berliner Philharmoniker um Erlaubnis anfragen, am Tag der Generalprobe in die Philharmonie eingelassen zu werden. Dieser lehnte schließlich ab. Unbeeindruckt davon fuhr ich trotzdem nach Berlin, ging am besagten Tag zur Philharmonie, mit meinem Rundbogen, am Pförtner freundlich grüßend vorbei, und setzte mich in den Saal.

Nach der Probe folgte ich Rostropowitsch und Maazel bis zum Dirigentenzimmer. Dort mußte Rostropowitsch eine Nachprobe mit dem Maestro am Klavier über sich ergehen lassen. Während ich wartete, kam der Impressario Witiko Adler auf mich zu und fragte, auf wen ich hier warten würde. Ich: „Ein Treffen mit Rostropowitsch.” Er ging daraufhin in das Dirigentenzimmer und kam mit der Nachricht zurück: „Herr Rostropowitsch kann sich an keinen Termin erinnern.” Ich zuckte mit den Schultern und wartete weiter. Rostropowitsch kam schlußendlich abgekämpft aus dem Zimmer, sah mich: „Ah, mein Freund, kommen hier.” Auch dieses Treffen wurde photografisch festgehalten von Renate Hoffleit. Herr Adler war übrigens dabei anwesend.

22  Rostro Berlin -
Berlin 1998

Später habe ich übrigens auch Lorin Maazel einmal in München getroffen, der selbst die Violinwerke Bachs spielt und sich deshalb für den Rundbogen interessierte.

Bei den ersten Begegnungen mit Rostropowitsch ging es in der Hauptsache um die verbesserte Spielbarkeit des Rundbogens. Er wollte einen besseren Halt haben und eine andere ergonomische Ausgestaltung des Griffs. Ich konnte das gut nachvollziehen, da dies auch mein innigster Wunsch war. Nur: wie?

So ging das eine Weile zwischen Paris und Berlin hin und her, bis er bei einem Treffen im Mai 1999 in Berlin, eigentlich sollte die Entwicklung mit dem neuesten Modell damit abgeschlossen sein, auf einmal inne hielt – für meinen Geschmack etwas zu lange – und dann sagte: „Ich, geniale Idee!”. Mir fuhr es in alle Glieder: „Wie bitte?”. Mir schwante nichts Gutes. „Wir machen Hebel für Zeigefinger.” Sprach’s und zückte seinen Kugelschreiber, um mir „netterweise” eine Skizze anzufertigen:

23  Rostro Skizze Berlin 1999 --
Rostropowitschs Skizze in Berlin 1999

Das sieht wie ein konventioneller Bogen aus, und da im Frosch gibt es etwas zum Aufwickeln.

Ich blieb „cool”, wußte aber, daß dieses Ansinnen nicht realisierbar war und, noch schlimmer, daß die bisherige Arbeit, auf gut Deutsch gesagt, „für die Katz” gewesen wäre, wenn es mir nicht gelänge, den Maestro „umzustimmen”. Genau das ging mir durch den Kopf, und nichts anderes, in diesem Moment.

Beim nächsten Treffen in der Stadt Essen hatte ich 2 Rundbogenprototypen im Gepäck, einen mit einem Zeigefingerhebel und einen Bogen mit neugestalteten Daumenhebel. Von dem letzteren wollte er nichts wissen. Er probierte den Zeigefingerhebel, der als Umlenkhebel konzipiert war, so daß im gespannten Zustand der Zeigefinger keinen Zug mehr aushalten mußte und somit entlastet war.

24  Zeigefingerhebel --
Rundbogenprototyp mit Zeigefingerhebel, Essen 1999

Das gefiel ihm natürlich nicht. So machte er sich nochmals ans Werk und zeichnete für mich erneut seine „geniale Idee”:

25  Rostro Skizze Essen 1999 -
Rostropowitschs Skizze, Essen 1999

Also, es führte kein Weg um diese fixe Idee herum.

Bereits knapp 2 Wochen später, wieder in Berlin, wo er zu den Feierlichkeiten “10 Jahre Mauerfall” am Brandenburger Tor eingeladen war, hatte ich für ihn mehrere “Folterinstrumente” mitgebracht.

26  BB 1999 11 Versuchsgriffe 1-- 27  BB 1999 11 Versuchsbogen 2- 28  BB 1999 11 Versuchsbogen 3-
“Folterinstrumente”, Berlin 1999

Er blieb trotzdem bei seiner Idee, es war einfach nichts zu machen. Verflixt noch mal.

Jetzt brauchte ich mal eine Pause. Das Jahr 2000 war ohnehin randvoll mit anderen „schönen” Beschäftigungen. Erst im Herbst 2000 befaßte ich mich mit der Thematik Zeigefingerhebel erneut. Ich holte nochmals „ganz” neu aus und versuchte mich an die Anfänge zu erinnern. Und da fiel mir ein, daß ich den Hebel des ersten Rundbogens ja gar nicht mit dem Daumen sondern mit dem Mittelfinger bediente. Das ist zwar auch nicht optimal, aber es machte mir bewußt, daß ich den Hebel aus denselben Gründen, die Rostropowitsch dazu bewegten, nach anderen Lösungen Ausschau zu halten, nicht mit dem Daumen führte.

Warum ist das so?

Zur Stabilisierung des Rundbogens legen die Geiger den kleinen Finger hinter die Bogenstange. Am Cello ist auch dies schwieriger, weil der Winkel ein anderer ist und somit der kleine Finger sehr großem Druck ausgesetzt ist. Dies hatte bei etlichen Modellen für Cello dazu geführt, eine Ausbuchtung für den kleinen Finger vorzusehen:

29  BB 7 Griff -- 30  BB 17 Rostro 3-2 --
BACH.Bogen Modelle mit Ausbuchtung für den kleinen Finger

Das obere Modell spielt beispielsweise Anton Lukoszevieze (London), das untere Modell spielt Gustav Rivinius.

Im Prinzip ging es um eine Stabilisierung des Rundbogens in allen 3 räumlichen Dimensionen.

[demonstriert erneut mit dem BACH.Bogen]

Die Verwendung des Mittelfingers als Gegenkraft zum Daumen schien aus diesem Grund erforderlich zu sein. So entstand im Sept. 2000 meine erste Ideenskizze, die dieses Prinzip berücksichtigt. Sie sieht sogar etwas “Colani-haft” aus:

31  BB Skizze 2000 09 04 --
Skizze vom 4. Sept. 2000 

Man kann erkennen, daß das Mittelstück des Bogengriffs ausklappbar und mit Daumen und Mittelfinger bedienbar ist. Dies erfordert aber eine feste Verbindung des Endstücks mit der Bogenstange. Gewährleisten sollte das ein Bügel über der Hand. Gleichzeitig stellte ich mir vor, daß dieser Bügel die Kontrolle des Bogens sogar verbessern könnte.

Realisiert wurde dieser Griff jedoch nicht, da ich eine viel bessere Lösung fand, nämlich die Halbierung des Griffs, so daß die Vorderseite durchgängig erhalten bleibt und die Rückseite eine Aussparung erhält, worin der Hebel mit Frosch aufgenommen werden kann:

32  BB Frosch --
neuer Frosch von allen 3 Seiten

So konnte der Mittelfinger den erforderlichen Gegendruck zum Daumen gewährleisten und dessen Bewegungen mitverfolgen. Im Grunde genommen hatte ich eine Art Scherenmechanismus entworfen. Es sieht zwar wie ein Daumenhebel aus, aber je nach Betrachtungsstandpunkt könnte man auch sagen der Frosch bleibt stabil in der Hand und die Stange bewegt sich.

[demonstriert mit BACH.Bogen]

Das wäre in etwa dann der von Rostropowitsch „gewünschte” Zeigefingerhebel. Die Bewegung findet mit dem Zeigefinger und dem kleinen Finger statt. Die Beherrschung des Rundbogens im dreidimensionalen Raum war somit garantiert.

Doch zunächst hatte ich noch im Dezember 2000 eine öffentliche Begegnung mit meinem ehemaligen Lehrer Janos Starker in Genf, im Grande Salle du Conservatoire, wozu ich allerdings dieses neue Modell noch nicht mitnahm, denn es gab noch eine ergonomische Frage unbedingt zu klären, die Ausformung für den Daumen.

33  BB Frosch Prototyp --
Prototyp Frosch 2000 von allen 3 Seiten

Die Benutzung dieses Prototyps war binnen kürzester Zeit sehr schmerzhaft, weil sich das Nagelbett des Daumens entzündete.

Janos Starker war ein scharfer Analytiker der Spieltechnik.

34  Starker -
Janos Starker mit BACH.Bogen in Genf 2000

Von ihm erhoffte ich, daß er, wie Rostropowitsch, tiefer in die Fragen der Spielbarkeit einsteigen würde, aber das hat sich leider nicht ergeben. Es war auch im weiteren Verlauf der Entwicklung unnötig.

Die Lösung für die Ausformung der Daumenöffnung war dann diese, sie ähnelt sehr stark der Form des konventionellen Bogens:

35  Frosch BB und Konkav --
neuer Frosch des BACH.Bogen und konventioneller Bogen

Worauf es ankommt, ist diese Aussparung, wo der Daumennagel zu liegen kommt und dieser Höcker, wo die gesamte Kraft der Daumenkuppe ansetzt. Die größere Masse des Frosches wirkt sich außerdem positiv auf die Handhabung aus, und sogar auf den Klang.

Nun war wieder ein Treffen mit Rostropowitsch angesagt, diesmal in Amsterdam im Sommer 2001. Ich ging das Risiko ein, da ich keinen Zeigefingerhebel nach seinem Gusto im Gepäck hatte, „hochkant” aus dem Raum zu fliegen. Aber als Rostropowitsch diesen Bogen sah, hatte er mit einem Schlag begriffen, daß das die endgültige Lösung war:

36  Rostro Amsterdam -
Rostropowitsch mit dem neuen Modell des BACH.Bogen in Amsterdam 2001

Sie sehen auf dem allerersten. Foto, das Renate Hoffleit bei diesem Treffen machte, wie er gleich den Rundbogen in die Höhe hielt. Er hatte ihn noch nicht am Cello ausprobiert.

So stelle ich mir Siegfried mit seinem Schwert Balmung vor  [Publikum lacht]. Beim Abschied sagte er mit einem Augenzwinkern: „I am jeallous.” Zu deutsch: “Ich bin neidisch”.

Die offizielle Präsentation dieses BACH.Bogen fand dann im Oktober 2001 in Paris statt, anläßlich des 7ème Concours de violoncelle Rostropovitch.

37  Rostro Autogramm 2001 -
Präsentation des BACH.Bogen in Paris 2001

 *

An dem Design des BACH.Bogen hat sich seither grundsätzlich nichts mehr geändert. Beim Ausstellungswettbewerb „Bachläufe” 2012 in Arnstadt wurde dem BACH.Bogen aufgrund seines Designs der 1. Preis zuerkannt.

38  Bachläufe Arnstadt -
Ausstellungswettbewerb “Bachläufe” in Arnstadt 2012

Ich erwähne das nur deshalb, weil es typisch für die Geschichte 25 Jahre BACH.Bogen ist, daß diejenigen, für die der Rundbogen entworfen und perfektioniert wurde, sich zuletzt dafür interessieren. Das liegt daran, daß es kein perfektionierter konkaver Bogen ist, sondern in der Tat ein neues Instrument. Ein neues Instrument, das neue Fertigkeiten vom Spieler verlangt. Das ist auch der Grund, warum sich zu allererst Komponisten dafür interessierten.

Trotzdem, die Zeiten ändern sich. Es ist ungefähr so, wie Arthur Schopenhauer formulierte: “Jede Wahrheit (man könnte auch sagen: jede Neuheit in der Kunst) durchläuft drei Stufen: Erst erscheint sie lächerlich, dann wird sie bekämpft, und schließlich ist sie selbstverständlich.” Beim BACH.Bogen erlebe ich heute die Simultanität dieser drei Stadien.

*

Abschließend:

Die Herausforderung für den konkaven Bogen ist das mehrstimmige Spiel, um nicht deutlich zu sagen, daß dies eine Unmöglichkeit darstellt. Diejenige des konvexen Bogens ist das einstimmige Spiel. Für die Werke J. S.Bachs wurde deshalb ein flaches Rundbogenmodell entwickelt:

39  BB flach hoch --
beide BACH.Bogen Modelle

Doch, Ironie des Schicksals: um dieses flache Modell nochmals auf Herz und Nieren zu prüfen, habe ich im Jahr 2011 mir das Faksimile der Abschrift der “Suiten” für Cello von Anna Magdalena Bach nochmal aufs Notenpult gelegt. (Ein Autograph ist nicht erhalten geblieben.) Ich wollte wissen, ob die originalen Bindebögen kompromißlos ausführbar sind. Ich stützte mich dabei nicht auf die Urtextausgaben, weil ich von vorneherein ja wußte, daß diese eine Menge bogentechnische Probleme aufwerfen. Und siehe da, die Abschrift von Anna Magdalena Bach unterscheidet sich da grundsätzlich von den Urtextausgaben. Die Bindebögen in ihrer Abschrift sind bestens mit dem flachen Rundbogen ausführbar.

40  Prélude G - AMB -
Beginn der Abschrift des ersten “Préludes” von Anna Magdalena Bach

So hat der Rundbogen die Interpretation der Werke J. S. Bachs total umgekrempelt. Nicht alleinig wegen des mehrstimmigen Spiels sondern insbesondere durch das Studium der Bindebögen. Denn, das zeigte sich unerwarteterweise, die Untersuchung der Bindebögen war nicht nur eine spieltechnische Frage. Vielmehr, und das ist eine neue Erkenntnis, geben sie Auskunft über das harmonische Verständnis dieser Werke und, daraus resultierend, auch über dynamische und agogische Prozesse. Das hat mein Bach-Bild revolutioniert. Was das alles bedeutet, kann man in meinem Weblog „the bach update” studieren.

Da eine Neu- Edition der Cellosuiten in der Neuen Bach-Ausgabe ansteht, hoffe ich, daß diese Erkenntnisse berücksichtigt werden und Einzug im allgemeinen Wissensgut halten. Ich nenne den Komplex: „Der Bindebogen-Kodex” in diesen Werken. Denn es ist ein richtiges Regelwerk, was J. S. Bach sich hat einfallen lassen.

Als Kostprobe nun zum Abschluß das „Prélude” in G-dur:

[spielt „Prélude” in G-dur von J. S. Bach]

Michael Bach

 

 

Walter Zimmermann und Michael Bach im Gespräch über “Geduld und Gelegenheit”

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Still aus Video, Kamera: Renate Hoffleit

Germany

Das Gespräch über die Komposition Walter Zimmermanns “Geduld und Gelegenheit” für Violoncello mit Rundbogen und Klavier (1987-89) fand am 19. September 2013 in Berlin statt.

 

audio:

Schluß aus “Tyche” von “Geduld und Gelegenheit”

Michael Bach, Cello mit Rundbogen
Hermann Kretzschmar, Piano

Dauer: 1’51”


 

Michael Bach (MB): Herr Professor Zimmermann … [lacht]

Walter Zimmermann (WZ): Den lassen wir mal weg, ja? [schmunzelt]

MB: Mich interessiert zunächst einmal das Davor und Danach bei dem Stück “Geduld und Gelegenheit”. Es ist doch sehr ungewöhnlich, daß du ein Stück konzipiert hattest – ich weiß nicht, wie weit es schon fertig war, als wir uns kennenlernten, – das mehrstimmig am Cello ist. Ich erinnere mich … jetzt gerade, als ich die Partitur gesucht habe, [nimmt Deckblatt von Partitur] sehe ich hier: “Frankfurt, Februar 1989”. D. h. unser erstes Treffen fand tatsächlich im Februar ’89 statt.

WZ: Ja.

MB: Ich hätte es aus der Erinnerung heraus ein bischen später datiert. Weil, ich war im März in den USA und kann mich nicht daran entsinnen, daß ich irgendwie den Rundbogen  schon im Kopf hatte. Wir kannten uns von Köln her, du lebtest in Frankfurt. Ich hab’ dich damals kontaktiert, weil ich diesen mittleren Satz “Sala della Pazienzia” gehört hatte, im WDR [Westdeutscher Rundfunk Köln]. Von den anderen Sätzen wußte ich noch gar nichts. Die sind ja auch alle nicht gleichzeitig entstanden. Der letzte Satz ist zwei Jahre später.

WZ: 1989.

MB: So, wie kam es eigentlich dazu, daß du ein Stück für Cello, das polyphon ist, …

WZ: Du meinst mit polyphon … an vier Saiten zugleich zu spielen ist?

MB: Ja.

WZ: Ich war ’86 in der Villa Massimo in Rom und hab’ ich mich mit diesen Themen der Hyroglyphen aus der Renaissance befaßt, weil dort die Steine und Friese in Hülle und Fülle da sind. Das wurde aufgearbeitet von einem Kunstgeschichtler, Edgar Wind, in diesem Buch “Heidnische Mysterien in der Renaissance”. Ich brauchte dieses Prinzip der vier Saiten aus dem Übersetzen eines philosophischen oder künstlerischen Gedankens in Klang. Am deutlichsten war es in der “Tyche”, dem dritten Satz, der zwar 1989 geschrieben wurde, aber schon vorher konzipiert war.

MB: Also Tyche heißt: das zufällige Schicksal …

WZ: Schicksal, die Fügung – und das Prinzip ist, daß Akkorde, die mit vier Fingern auf vier Saiten zu greifen sind, gleichzeitig gespielt werden müssen, und die Flageoletts sich jeweils so bewegen, wie das Pendel eines Zufalls entweder auf die eine Seite oder andere Seite ausschlägt. 

MB: Du meinst, dadurch daß es notwendig ist, die Finger, die Töne einmal fest zu drücken, als normal erklingende Töne und dann läßt man Finger los …

WZ: langsam hoch …

MB: … und dieser Übergang ist unkontrollierbar …

WZ: Ja.

MB: Also, aus deiner Sicht. Er ist, wenn es vierstimmig ist, auch weniger kontrollierbar, … das ist richtig.

WaZi Tyche Ausschnitt -

 

WZ: Es gibt dann immer [blättert in Partitur] solche Pfeile von einer Spielweise zur anderen oder [deutet auf eine Stelle in der Partitur] diese Halbflageoletts. Die sind ja sowieso brüchig, die gehen manchmal …

MB: Ins Flageolett und manchmal als festgegriffener Ton …

WZ: Genau das ist das Prinzip. Das kann man bei dieser Geschwindigkeit [demonstriert Bogenbewegung] nicht mehr kontrollieren, daß es bei jedem Ab- oder Aufstrich so oder so ist. Das flippt dann in die eine oder andere Richtung.

MB: Das hattest du also schon konzipiert, aber du hattest ja keinen Rundbogen, oder irgendeine Möglichkeit, das so aufzuführen?

WZ: Es gab ja Frances-Marie Uitti mit den Doppelbögen [zwei traditionelle Bögen]. Und sie hatte mir – ich weiß nicht, wo ich sie kennengelernt hatte, es kann sein mit Scelsi zusammen in Rom, – mal einen Katalog gegeben, von Akkorden, die eben möglich sind.

MB: Mit zwei Bögen.

WZ: Und ich hatte noch gar nicht daran gedacht, wie das Stück jetzt aufgeführt wird. Ich wußte aber, daß es Rundbögen in der Barockmusik gibt. Es gab ja auch Versuche, Bach-Partiten mit Rundbogen zu spielen.

MB: Hast du das damals schon gewußt?

WZ: Ja ja.

MB: Ich nicht.

WZ: Ja?

MB: Nein.

WZ: Ja, wie hießen denn diese Geiger?

MB: Inwischen weiß ich das natürlich: Rolph Schröder, dann Otto Büchner und, der Bekannteste vielleicht, Emil Telmányi. Und heute ist es Rudolf Gähler, der ja auch Aufnahmen gemacht hat, es sind eigentlich die besten.

WZ: Dazu kommt noch folgendes, daß die Barockgeigen einen viel flacheren Steg hatten und einen Bogen, der eine viel höhere Kurve der Bogenstange hatte. Und die Haare waren auch nicht so extrem gespannt, die Saiten waren Darmsaiten … Also, alles war beweglicher. D. h. man konnte theoretisch sowieso auf vier Saiten spielen.

MB: Aber, das stellst du dir so vor.

WZ: Nein, nein, es ist so.

MB: Ja aber … sprich …

WZ: Z. B. die Geige von Nanne [Nanne Meyer] haben wir jetzt der Alten Musik geliehen. Die wurde komplett umgebaut, mit einem flacheren Steg,, und derart sind Akkorde eher möglich – bei den Bach-Partiten sowieso.

MB: Aber, spreche einmal mit einem Barockmusiker oder mit jemanden, der authentische Aufführungspraxis betreibt, da wirst du nicht unbedingt das hören, was du gerade gesagt hast. Diese arpeggieren die Akkorde …

WZ: Klar. Das Arpeggieren ist ja auch nicht nur ein praktisches Moment, es ist auch ein interpretatorisches Moment.

MB: Ja.

WZ: Also wie man beim Cembalo mehr Rubato spielt als am Klavier, weil das Cembalo einfach keine Beweglichkeit in der Dynamik hat. So versucht man, viel mehr den Klang aufzulösen …

MB: OK, ich würde jetzt sagen, wir lassen dieses Thema jetzt mal beiseite.

Du hast also gewußt, daß es Geiger gibt, die Rundbögen benutzen, und du hast von Uitti gewußt, die zwei Bögen benutzt … jetzt, hast du mit Uitti gesprochen, ob sie dein Stück aufführt?

WZ: Äh, ich glaube nicht [denkt nach], nein, nein, das habe ich nicht.

MB: Ja, hm … Es hat ja ein Cellist schon einmal den mittleren Satz gespielt …

WZ: Der mittlere Satz, ist ja nicht nötig …

MB: … ist kein Rundbogen nötig, aber kam die Diskussion dann nicht auf – ich glaube, es war Manuel Gerstner, der das spielte, – die anderen beiden Sätze auch aufzuführen?

WZ: Äh, ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht genau erinnern, ich weiß nur, daß in diesem ersten Satz “Hypneros” die Saiten so verstimmt sind, …

MB: Scordatur …

WZ: … daß der gleiche Ton oder die Schattierungen immer ein B sind.

MB: … daß man auf allen Saiten ein B bekommt. Oder, nein: ein H!

WZ: Und zugleich gibt es vibrato und non vibrato. Dann spielt man am Anfang auf zwei Saiten, dann auf drei und am Schluß auf vieren. Das war ein utopisches Stück, weil die Dauern sich so überlappen, daß man das gar nicht machen kann. Die Annäherung an die Partitur wäre mir schon genug gewesen. Ja? Also, daß man versucht, auf vier Saiten zu spielen, oder einen Punkt zu finden, der mehr sul tasto ist …

Ich hab’ jetzt z. B. in einem Solostück für Geige, Dreiklänge notiert, wo die mittlere Saite gedrückt wird, die anderen sind leere Saiten, so daß die Ebene der drei Saiten gerade ist. Dann kann man auf dreien schon spielen, sogar ganz leise, natürlich extrem sul tasto.

Das hat mich immer interessiert, die Brüchigkeit von einem Klang, wenn man weggeht von der richtigen, wohlklingenden Position sondern mehr in das Griffbrettfeld reinstreicht. Und so dachte ich ursprünglich, daß das hier auch geht.

WaZi Hypneros Ausschnitt -

 

MB: Das ist ja hier jetzt ganz schwierig, weil diese vier Stimmen oder drei Stimmen – oder auch die Zweistimmigkeit – ja rhythmisch polyphon ist.

WZ: Ja ja, klar.

MB: Mit dem Rundbogen, das ist ja klar, kann man eigentlich nur einen Strich ausführen und da sind immer alle Stimmen gleich artikuliert.

WZ: Ich weiß.

MB: Aber hier ist es tatsächlich so, als ob vier Bögen spielen. Und das ist das Problem bei diesem Stück. Ich hab’ da einen Zettel gefunden, ich glaube, der hat damit zu tun. [legt ein Notizblatt Walter Zimmermanns auf den Tisch]

Das muß ganz am Anfang gewesen sein. Kannst du mir das mal vorlesen?

WZ: Kannst du meine Schrift nicht lesen?

MB: Äh, nein. Also “Bei …”, was heißt das?

 WaZi Spielanweisungen 1989

WZ: [liest vor] “Bei Überlagerung zweier oder mehrerer Stimmen bzw. Spielarten kurz lüften, um Rhythmik zu projizieren oder durch Vibratoakzente.”

MB: Das war Punkt 1. Punkt 2?

WZ: Ich muß es zuerst mal verstehen, was ich da geschrieben habe.

MB: Ja. [lacht]

WZ:  [liest nochmals vor] “Bei Überlagerung zweier oder mehrerer Stimmen bzw. Spielarten kurz lüften …” – was soll man da denn lüften?

MB: Du meinst wahrscheinlich … die Haare von der Saite lüften, um Rhythmus …

WZ: … “um Rhythmik zu projizieren oder durch …” Ja, lüften heißt natürlich, klar, ich meine, daß du dann kurz weggehst von dem Ton, damit das Profil dieser Dauer klar wird.

MB: Aber den anderen Ton noch halten, wenn es zweistimmig ist …

WZ: … daß man sozusagen durch die Bewegung des Bogens die Dauer des jeweiligen Tons markiert. Also nicht durch den Strich [demonstriert einen Bogenwechsel], sondern durch das Heben …

MB: Durch eine Zäsur sozusagen …

WZ: …kurz nach oben und wieder zurück, eine Zäsur, ja.

MB: Gut, das geht bei zwei Stimmen …

WZ: Nagel mich nicht fest [lacht], ich hab’ ja auch gesagt, daß das Stück eine Annäherung, ein utopisches …

MB: Ja, ich weiß.

WZ: [liest Punkt 2] “Balken ist Phrasierung auf einen Bogen” – Ja, es ist so notiert, daß Phrasierungen durch die Unterbalken gewährleistet sind – und nicht durch einen Phrasierungsbogen. 

[liest weiter] “Isolierte Einzelnoten: ganzer Bogen” – Ja, das ist so meine beliebte Flautando …, daß bei Einzeltönen immer der ganze Bogen sehr leicht geführt werden soll [demonstriert Bewegung], “gleich welcher Dauer”.

“Bei Überspringen der Saite, die mittlere Seite ganz drücken” … [denkt nach]

MB: Ach so, damit die Saite nicht klingt.

WZ: Damit die benachbarten Saiten …

MB: … angestrichen werden und die mittlere Saite nicht.

WZ: Ja. Fünfter Punkt [versucht zu entziffern]: “Bei Dreistimmigkeit, wichtige – Einschub, Dauer kann verkürzt werden” – Einschwingdauer! – also, “Bei Dreistimmigkeit wichtig – Ein – schwing – vorgang! – Dauer kann verkürzt werden”. D. h. natürlich, daß bei Dreistimmigkeit diese utopische Notation zu relativieren ist, wenn es nicht geht. Also, es ist wie der Versuch, z. B. Bach Kunst der Fuge, die für Orgel ist, am Klavier zu spielen, geht auch nicht. Man muß irgendwelche Kompromisse machen. Es ist eine ähnliche Idealpartitur, die in Annäherung eines Spielers erreicht wird …

MB: In dem Punkt meinst du, also wie ich das verstehe, daß die Dauer des Tons verkürzt wird, aber der Ansatz soll natürlich möglichst so sein, wie er notiert ist, auf der richtigen Zeit.

WZ: Um dreistimmig zu spielen, kann diese Idealdauer der einzelnen Stimmen verkürzt werden. D. h., du mußt nicht am Notentext kleben.

[liest weiter, Punkt 6] “Alle drei bzw. vier Saiten auf eine Ebene bringen, Schwingungsknoten der G-Saite beachten” … Ja, das ist durch die Stimmung, … daß die G-Saite, also die dritte Saite im Flageolett ist … schon eigentlich ein wenig gedrückt, die Saite, minimalst, d. h. diese Kurve von vier Saiten ist schon etwas abgeflacht. [deutet auf eine Stelle in der Partitur] Durch die Flageoletts, leichtes Drücken, ergibt sich schon eine flachere Kurve, d. h. es wird noch einfacher sein, das zu spielen, so dachte ich mir das.

[liest weiter] “Siebtens: Präferenz Vibrato oder, und – Repetition – vor Dreistimmig …”  [stutzt] – ah ja! Vibrato ist wichtiger – als – also, Vibrato ist ja hier, die durchgestrichenen Notenköpfe sind non vibrato und die anderen sind vibrato. Damit wollte ich erreichen, daß dieses Innenleben eines einzelnen Tons möglichst plastisch wird. Also wenn man vor einer Entscheidung steht, sollte man lieber das Vibrato bevorzugen, als jetzt …

MB: …den Rhythmus.

WZ: …  “vor Dreistimmigkeit” – Ja! Daß das Vibrato wichtiger ist, als die Dreistimmigkeit.

MB: Ah.

WZ: Also, wenn es nicht möglich ist, alle drei Noten zu spielen, weil der eine hat non vibrato, es wichtiger ist, vibrato zu haben und auf das andere, die Dreistimmigkeit, zu verzichten.

MB: Weil das mehr die Aufmerksamkeit beansprucht. Es ist ja sowieso immer, in deiner Vorstellung, der gleiche Ton auf allen vier Saiten.

WZ: Genau. Und deshalb wollte ich sie ein bischen färben.

[liest weiter, Punkt 8]: “Bei Vierstimmigkeit geringsten Strukturverlust beachten”. Ist ja klar, man muß Kompromisse eingehen, aber man macht sie so gering wie möglich.

MB: Ja ja ja.

WZ: Wann habe ich dir das denn geschrieben? Das erinnere ich überhaupt nicht.

MB: Das muß ganz am Anfang gewesen sein.

WZ: [liest weiter, Punkt 9] “Auf Seite 6, letztes System, virtuelle Mehrstimmigkeit”. Also, können wir gleich mal gucken, was das bedeutet [blättert in Partitur]: Ab hier. Es ist ja nun absurd schwierig, diese ganzen Einschwingungsvorgänge alle genau zu spielen, d. h. es ist wichtiger, die Wechsel der Töne in den verschiedenen Farben auf den Saiten zu hören, als diese Dauern genau zu halten. Die Dauern sind sozusagen idealiter und die Töne sind real zu kriegen. Die haben wiederum Präferenz.

MB: [deutet auf Stelle in Partitur] Wobei wir hier noch Dreistimmigkeit haben …

WZ: … und dann wird es ab hier vierstimmig, ab Seite 6.

[liest weiter] “Zehn: Ab dem Wiederholungszeichen … Stelle … Bogenwechsel …” Da gibt es ein Wiederholungszeichen … [sucht in Partitur] … das hier [deutet auf Stelle] … “Bogenwechsel stets” … [hebt Notizblatt hoch und schaut auf Rückseite] … buff, weg isses …

MB: [lacht] Mehr habe ich nicht. Open end.

WZ: Das muß ich dir ja geschrieben haben zu einem Zeitpunkt, wo ich schon wußte, daß du das spielen wirst.

MB: Ja, du hast mir das als Anleitung mal mitgegeben.

WZ: Weil das für den Rundbogen genauso gilt, denn auch für den Rundbogen sind diese rhythmischen inneren Stimmen nicht zu machen.

MB: Ja, mal langsam. Mit einem geraden Bogen ist das sowieso nicht ausführbar.

WZ: Ja ja, das ist noch utopischer, sagen wir mal.

MB: Du kannst noch nicht mal drei Saiten spielen.

WZ: [blättert in Partitur] In manchen Fällen schon, …

MB: Ganz selten, ganz selten.

WZ: … wenn gewisse Saiten leicht gedrückt sind und wenn man dann mehr sul tasto spielt …

MB: Jahah [schaut skeptisch] …

WZ: Also, das war meine Vorstellung. Ich hab’ damals immer Unmögliches gewollt. Ich wollte immer Grenzen überschreiten. Nanne [Nanne Meyer] hatte dafür Begriffe wie introvertierte Virtuosität, also nicht eine Virtuosität, die nach außen brilliert sondern wo die Virtuosität im Inneren des Klanggewebes stattfindet.

MB: Das wird dich vielleicht interessieren: Ich habe mit Cage zusammen “ONE13” komponiert. Kennst du das Stück?

WZ; Ja ja.

MB: Das Stück basiert auf Unisono-Klängen, und das Absurde ist, ich habe zwar den Rundbogen, aber eigentlich ist immer nur eine Tonhöhe zu hören, selbst wenn sie auf vier Saiten gespielt wird. Da gibt es z. B. bei der Tonhöhe g” 101 Griffmöglichkeiten am Cello.

WZ: Ja, ich weiß.

MB: OK Walter, kommen wir nochmal zurück. Du hattest eigentlich, als wir uns trafen, noch keine Vorstellung, wie das aufgeführt wird und wer das macht?

WZ: Ich wußte wohl von irgendwelchen Leuten, daß du einen Rundbogen hast, oder wie war das? 

MB: [lacht] Nein, ich bin dann auf die Suche gegangen.

WZ: Ah, ja ja.

05  BB 1990 -
BACH.Bogen 1990

MB: Ich dachte, so wie du, daß es diese Dinger gäbe, und war dann bass erstaunt, daß dann doch keine existierten. Ich habe danach sehr intensiv gesucht, na ja, gut. Ich hab’ sodann nach Bogenbauern gesucht, das war auch schierig – und hab’ dann doch per Zufall einen Rundbogen an der Wand hängen sehen, beim Geigenbauer Elbin. Ich spielte damit beim Huddersfield Festival ein paar kurze Cage-Stücke, Ende November 1989. Dann habe ich den ersten Rundbogen in Auftrag gegeben, im Januar 1990, für dein Stück. Das war schon programmiert für Mai 1990 in Bremen bei dem Festival Pro Musica Nova. Und so hat Solf Schäfer [Festivalleiter] 1000 DM noch dazugegeben. Das Teil war ziemlich teuer, es hat 3600 DM gekostet. Das war deshalb viel Geld, weil ich diesen Bogen nicht lange spielte. Du erinnerst dich an die Uraufführung? Ich hab’ da einen Lederhandschuh getragen.

WZ: Ja ja, jetzt kommt …

MB: Dem Publikum hat dieses Martyrium so wahnsinnig gefallen, daß wir den letzten Satz “Tyche” noch als Zugabe wiederholen mußten [beide lachen]. …

WZ: Hast du das gesamte Stück gespielt?

MB: Das ganze Stück.

WZ: Mit Hermann Kretschmar am Klavier?

MB: Ja, immer mit Hermann [eine Aufführung auch mit Klaus Steffes-Holländer]. Also, was ganz besonders schwierig war: der zweite Satz.

WZ: Ja, ich weiß.

MB: Das pizzicato mit den gestrichenen Tönen, und das Zusammenspiel mit dem Klavier, das ist ungeheuer schwierig. Du siehst [öffnet Partitur], ich hab’ die Partitur – das ist meine Schrift – verdeutlichend umgeschrieben.

WZ: Dieser Satz wurde aber inzwischen einige Male gespielt, aber die Ecksätze sind verwaist. Anton Lukoszevieze hat es einmal versucht, aber er hat es dann doch nicht gemacht. Ihm hab’ ich sogar ein bischen Geld gegeben für die Anschaffung eines Rundbogens.

MB: Ach ja?

WZ: Das nennt sich heute crowdfunding. Jeder gibt 100 Euro. Du hast mir einen Tip gegeben, bei wem man das bestellen kann.

MB: Er hat einen sehr guten Bogen. Hast du nicht einmal einen Bogen finanziert für einen Kanadier? Oder gekauft?

WZ; [denkt nach] Nee, das war Lukoszevieze, Anton. Und der hat’s aber dann nicht gespielt.

MB: Und warum nicht? Weil es zu schwierig ist?

WZ: Keine Ahnung, vielleicht weil er das Stück nicht unterbrachte.

MB: Also, mit Hermann habe ich es oft gespielt. Das ist halt ein sehr, sehr schwieriges Stück … es nur einmal zu spielen, dafür ist es schon ein sehr großer Aufwand.

WZ: Ich weiß. Es gibt ja jetzt, Gott sei Dank, die CD, worauf es dokumentiert ist.

MB: Das ist die erste Aufnahme, die wir gemacht haben. Mit diesem ersten Rundbogen noch, den ich wirklich nicht lange gespielt habe. Ich hab’ dann gleich schon im nächsten Jahr zwei andere Bögen mir bauen lassen, die aber im Prinzip genauso konstruiert sind, nur eben einen mit flacher Wölbung und einen mit hoher Wölbung. Weil, … na ja, ich wollte da einfach eine Verbesserung haben.

WZ: Also, man kann sagen, daß dieses Stück dich zu dem Punkt gebracht hat, dir einen Rundbogen zu suchen, dann hattest du ihn, und dann hast du Cage motiviert, ein Stück für dich zu schreiben.

MB: Ich hab’ mich dann mit Cage in Darmstadt 1990, da waren wir beide dort, getroffen – es war damals schon klar, daß er ein Konzert für Cello und Orchester schreibt – und ihm den Rundbogen gezeigt.

WZ: Dann ist es ein schönes Gefühl für mich, dem Cage auch mal ‘ne Vorlage gegeben zu haben [lacht] … wie man im Fußball sagt.

MB: Ja, ja … es ist so … also, dein Stück war der Anlaß und Cage war der erste Komponist, der dann direkt dafür komponiert hat.

WZ: Und dann Schnebel … und dann ging’s so los.

MB: Ja, dann hat Zender dafür geschrieben, ohne meine Beteiligung. Ich hab’ allerdings einen Kurs für ihn gemacht, in Frankfurt, … und da hat er sich das alles angeschaut … OK.

WZ: Doch schöne Geschichte …

MB: Ja, das Erstaunliche ist eben … Schnebel hatte auch schon für den Rundbogen komponiert! 1987, die Inventionen. Das wurde aber zunächst nicht mit Rundbogen gespielt. Ich war eigentlich der erste, der es authentisch aufgeführt hat.

WZ: Ja, so ist das.

MB: Das ist halt bei diesen Werken, auch mit Morton Feldmans Untitled Composition, die sind so schwierig, daß man eigentlich kaum heute noch Aufführungsmöglichkeiten hat. Wenn das Solowerke sind, gut, dann dann kann man sowas schon eher mal programmieren.

WZ; Ja ja.

MB: Wenn es aber um Ensemblewerke geht, die diesen hohen Grad an Virtuosität benötigen … und anscheinend wurde dein Stück, außer von Hermann und mir, bis auf den mittleren Satz nicht gespielt.

WZ: Der mittlere Satz wurde jetzt nochmals gespielt in den USA … aber das gesamte, kannst du stolz sagen, bist du der einzige, der es gemacht hat.

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Still aus Video, Kamera: Renate Hoffleit


MB
: Ja ja.

WZ: Geduld und Gelegenheit …