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Heute vor 25 Jahren starb John Cage

John Cage Assissi 1992 002
Foto: Michael Bach

 

Germany

 

John Cage starb am 12. August 1992 in New York City. Für mich ist es in meinem Bewußtsein immer der 13. August. Denn kurz nach Mitternacht erhielt ich in Wissembourg, France den Anruf von Margret Leng Tan aus New York mit der bestürzenden Nachricht.

Ich möchte an diesem Gedenktag meinen ersten Beitrag in diesem blog mit dem Titel

“cage.los – Cage wird 101”

fortsetzen.

*

Das nächste Treffen mit John Cage fand beim Festival “Contemporary Music Festival” in Huddersfield, England statt. Ich spielte dort am 20. November 1989 ein Solo-Recital mit Werken von John Cage, Morton Feldman und Bernd Alois Zimmermann.

Dieses Konzert markiert auch meinen ersten Auftritt mit Rundbogen. Mit diesem spielte ich eine Auswahl aus John Cage’s Werk 26’1.1499″ For a String Player aus den Jahren 1953 – 55, die ich mit 6’34 3/4″ For a String Player benannte. Dasselbe Werk spielte ich in einem Solokonzert kurz danach, am 28. November im Royal College of Art in London.

Zwischen dieser Begegnung mit John Cage und der vorherigen in New York im Frühjahr 1), ist der Rundbogen in meine cellistische Arbeit eingetreten. Die Zusammenarbeit mit Walter Zimmermann 2) an einem neuen, für das Cello mehrstimmig komponierten Werk, führte zur Suche nach einem Rundbogen, der ein vierstimmiges Spiel ermöglicht.

Ich begab mich auf die Suche, konnte aber nirgendwo einen Rundbogen finden. Dann suchte ich nach Bogenbauern, die mir einen Rundbogen herstellen könnten, vergebens. Dann war ich auf einer zweimonatigen Konzertreise in Japan. Dort traf ich einen Kimonospezialisten, der mir chinesisches Bambus aus dem Hochland mitgab, mit einer Anweisung, wie man diese Stäbe eventuell biegen könnte … um einen Rundbogen herzustellen.

Zurück in Deutschland sah ich plötzlich einen Rundbogen an der Wand meines Geigenbauers in Bonn. Es stellte sich später heraus, daß dieser Rundbogen nicht von ungefähr in Bonn anzutreffen war, denn dort lebte und arbeitete mein späterer Freund, Rudolf Gähler, der an der Violine einen Rundbogen für die Werke J. S. Bachs einsetzt. Doch davon wußte ich damals noch nichts. Es ist aber kurios, daß nach langem Suchen, die Lösung quasi direkt um die Ecke zu finden war.

Der Geigenbauer Elbin gab mir freundlicherweise diesen Rundbogen, der für die Violine bestimmt war, mit zum Ausprobieren. So entschied ich, Teile aus John Cage’s 26’1.1499″ For a String Player mit diesem Rundbogen auszuführen, da die graphische Notation eine solche Interpretation zuließ.

Mit John Cage und dem Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart waren bereits Gespräche in Gang, ein neues Cellokonzert uraufzuführen. Obwohl, oder gerade weil der Rundbogen noch ganz frisch, unberührt und neuartig war, konnte  ich diesen aus den Überlegungen zu einem neuen Werk John Cage’s gar nicht mehr verdrängen.

Zum Abschied in Huddersfield sagte John Cage auf die anvisierte neue Komposition anspielend: “I love to work for you.”

Michael Bach

 


 

1) cage.los – Cage wird 101

2)  Walter Zimmermann und Michael Bach im Gespräch über Geduld und Gelegenheit

 

More about John Cage, Michael Bach and the curved bow

 

 

Dank an Peter Härtling

Germany

 

Peter Härtling (1933 – 2017)

Peter Härtling lernte ich Mitte der 90er Jahre persönlich kennen, als er eine Eröffnungsrede zu einer posthumen Ausstellung von Fritz Ruoff (1906 – 1986) in Nürtingen bei Stuttgart hielt. Meine Frau, die Bildhauerin und Künstlerin Renate Hoffleit war mit Fritz Ruoff in den 80er Jahren eng befreundet. Davon zeugen heute viele unter ihnen ausgetauschte Zeichnungen und Skulpturen in den Räumen ihrer Ateliers.

Fritz Ruoff hatte den Vollwaisen Peter Härtling direkt nach dem Krieg aufgenommen und gefördert. Die Rede Peter Härtlings über das Werk Fritz Ruoffs war sehr einfühlsam und war geprägt von einem sensiblen Blick auf das in sich ruhende, von ebenmäßigen Proportionen durchdrungene Schaffen, das überwiegend aus Zeichnungen besteht.

Mit der gleichen, abtastenden Zuwendung konnte sich Peter Härtling auch der Musik nähern. Seine Affinität zur Musik ist einer breiteren Öffentlichkeit eher bekannt. Mir ist allerdings nie zu Ohren gekommen, daß er sich mit avantgardistischer Musik unserer Zeit auseinandersetzte.

Trotzdem, was uns verband, allerdings nur sehr flüchtig, war der Rundbogen und auch die zeitgenössischen Werke, die für dieses neue Instrument geschrieben wurden. Vielleicht stellt das eine Ausnahme dar, vielleicht auch nicht.

Jedenfalls habe ich Peter Härtling zu verdanken, daß er mir Zuspruch gab, genau in einer Zeit, als ich mich anschickte, den Rundbogen ernsthaft weiterzuentwickeln. Ich war damals allerlei Anfeindungen von Kollegen ausgesetzt, die der neuen Perspektive für ihr eigenes Instrument keinen Gedanken schenken wollten.

Peter Härtling 1997 001 Brief von Peter Härtling vom 10. April 1997

Wir liefen uns immer wieder in den Folgejahren über den Weg. Peter Härtling hielt ja unermüdlich Vorträge, auch in der Karlsruher Musikhochschule. Bis ich ihn im Jahr 2012 fragte, ob er sich als Juror für ein Kunstprojekt zur Verfügungen stellen könnte. Dieses Kunstprojekt betraf die gefällten Bäume des Mittleren Schlossgartens in Stuttgart, die dem Bahnprojekt Stuttgart-Ulm, plakativ bekannt unter dem Schlagwort “Stuttgart 21”, weichen mußten. Mein Gedanke hinter meiner Bitte an Peter Härtling war, daß eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Thematik “Stuttgart 21” konstruktiv und förderlich auf die öffentliche Wahrnehmung einwirken könnte. Dabei ging es mir in erster Linie nicht um die wunderbaren Bäume, die brutal gefällt wurden, sondern eher um den unseligen, ignoranten politischen Prozess, der zurecht diesen Widerstand in der Bevölkerung hervorrief.

Peter Härtling 2012 001Brief von Peter Härtling vom 30. Juli 2012

Peter Härtling lehnte ab. Er hatte Recht. Aus dem Kunstprojekt wurde nichts, die mächtigen Bäume verrotteten und verpilzten. Ein lächerliches Pseudokunstprojekt wurde dann doch noch so am Rande abgewickelt. Dazu bediente man sich eines Stuttgarter Vereins namens “Geist und Geld”.

Im Jahr 2013 veranstaltete die Stiftung Domnick in Nürtingen eine Art Konzert-Vortrag mit mir unter dem Titel “Urtext = Klartext?” 1), worum es um meine Neuentdeckungen zu den Bindebögen in Anna Magdalena Bachs Abschrift der Cellosuiten ging. Mit diesen Neuigkeiten trat ich hier zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Da es in Nürtingen, seiner alten Heimat, stattfand, es auch um den Rundbogen ging und die Musik Johann Sebastian Bachs im Vordergrund stand, hoffte ich, daß Peter Härtling genug Anlaß hätte, zu kommen. Aber seine angegriffene Gesundheit ließ es leider nicht zu.


Peter Härtling 2013 001
Brief von Peter Härtling vom 09. April 2013

 

 

Paganini-Härtling 2011
Signatur von Peter Härtling 2010
auf einem Albumblatt von Clara Wieck 1829,
das eine fünfstimmige Notenskizze für Violine solo von Paganini zeigt.

Michael Bach

 

1)  “Urtext = Klartext?”, Die Bindebögen im Prélude in G-Dur für Violoncello solo

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