Die Initialen von J. S. Bach in d-moll

Der Name BACH besteht aus 4 Notennamen. Vorab, die deutschen Notennamen “h” und “b” existieren nicht im Englischen, dort heißen sie “b” und “b-flat”, aber im Deutschen sind das zwei Notennamen:

[spielt “b – a – c – h”]

Man kann sie auch in dieser Reihenfolge spielen:

[spielt “a – b – h – c”]

Oder auch so:

[spielt “c – h – b – a”]

Es sind chromatisch, um einen Halbton voneinander entfernte Tonhöhen.

Bach hat diese Tonhöhen oft in seinen Kompositionen verklausuliert, das weiß auch jeder, – jeder Musiker zumindest.

Jetzt, bei der “Chaconne” in d-moll hat er noch mehr von seinem Namen in die Komposition hineingesetzt hat, nämlich noch die Noten “g” und “es”. Deren Bedeutung, glaube ich, hat noch niemand erfaßt. Es ist heute das Erste Mal, daß ich dies bekannt mache. Dies sind im Gesamtzusammenhang besondere Tonhöhen.

Mir ist bei der “Chaconne” zunächst aufgefallen, daß die Tonhöhen “b” und “a” sehr häufig vorkommen:

[spielt “b” und “a” in verschiedenen Oktavlagen]

Meistens sind dies Spitzentonhöhen oder Noten im Baß, also:

[spielt ab Takt 17]

Bach Digital

Im Takt 18 die Noten “b” und “a” in der Oberstimme:

[spielt bis zu Takt 19]

Man hört diese Chromatik, das sind in der Unterstimme die Noten “c – h – b – a” von BACH und in der Oberstimme die Noten “b” und “a”.

Diese Stelle findet sich dann nochmals:

[spielt die Takte 33 bis 36]

Bach Digital

Auch hier wieder die chromatische Tonfolge “c – h – b – a”.

Diese Tonhöhen kommen relativ häufig vor, denn das hängt mit der Tonart d-moll zusammen:

[(D7) – S – (D7) – tP/t]

Der Ton “a” ist die Quinte von d-moll:

[spielt “d – f – a”]

… ist der Grundton der Dominante:

[spielt “a – cis – e”]

… und er ist auch die Terz der Tonikaparallele F-dur:

[spielt “f – a – c”]

Die Tonikaparallele ist für Bach immer sehr wichtig, weil sie den gleichen Tonvorrat hat, wie die Grundtonart. Denn d-moll:

[spielt die Tonleiter in d-moll]

… hat die gleichen Töne wie F-dur:

[spielt die Tonleiter in F-dur]

… sie fängt nur mit einer anderen Tonhöhe an.

Diese Tonikaparallele der Tonart d-moll, – das ist eine ganz merkwürdige Beobachtung -, die steuert Bach in der “Chaconne” sehr häufig an, also er bereitet sie vor, sogar mit ihrer eigenen Dominante, aber er weicht ihr trotzdem immer wieder aus.

Erst, wenn sie wirklich erscheint, dann kommt sie massiv. Aber das passiert erst nach einer gewissen Weile, so nach etwa 3 Minuten, in Takt 58 erscheint auf einmal die Tonikaparallele, da ist sie voll da, und kurz danach wird sie wieder eliminiert und ihr erneut ausgewichen.

Sie hat deswegen eine besondere Bedeutung, weil sie eben immer im harmonischen Fokus steht, aber zunächst überhaupt nicht erscheint.

Nun, ein “b” finden wir, das ist sehr häufig in der Musikliteratur zu finden, als kleine Sexte von d-moll:

[spielt “d – f – a – b – a”]

Das hat einen sehr deutlichen Lamento-Charakter. Diesen Effekt, diese kleine Sext, findet man in vielen Melodien, auch im Jazz.

Sie kommt auch, darüber werde ich später sprechen, in der Subdominante vor (Neapolitaner), da ist es die Note “es”:

[spielt “g – b – es – d”]

Das “b” kommt in der Mollsubdominante als Terz vor:

[spielt “g – b – d – g”]

… in der Dominante der Tonikaparallele:

[spielt “c – e – g – b”]

… das löst sich auf nach F-dur

[spielt “f – a – c – f”]

… also das “b” als Septim in der Dominante der Tonikaparallele.

Und auch, wenn nicht die Note “c” erklingt, sondern stattdessen die Note “cis”, dann entsteht ein sogenannter verminderter Dominantseptakkord. Wenn man den Grundton dazu nimmt:

[spielt “a – cis – e – g – b”]

… dann ist das ein Dominantnonakkord mit None “b”.

Auf diese Weise kommt Bach über die Note “b” ganz überraschend zu anderen Harmonien, weil er, wie gerade aufgezeigt, z. B. einfach mal den Ton “c” zu “cis” erhöht, wodurch die harmonische Entwicklung eine ganz andere Wendung nimmt.

Neben der Note “b” kommt die Note “g” sehr oft vor, das ist die Septim der Dominante:

[spielt “a – cis – e – g”]

… die sich nach d-moll auflöst.

Die Note “g” findet sich auch in der Dominante der Tonikaparallele als Quint:

[spielt “c – e – g – b” mit Auflösung nach F-dur]

Oder, sie kommt auch im verminderten Dominantseptakkord vor, als Septim:

[spielt “cis – e – g – b” mit Auflösung nach d-moll]

So, und jetzt gibt es einen ganz besonderen Akkord, der in fast allen Sätzen von Bach irgendwann einmal erscheint, das ist der Neapolitanische Sextakkord. Das ist die Subdominante mit kleiner Sext anstatt der Quint:

[spielt “g – b – es – d – b – g”]

Dieser Akkord wurde so benannt, weil er in der Oper von Neapel offensichtlich sehr häufig eingesetzt wurde, weil er als sehr dramatisch, aber auch als sehr wehleidig empfunden wurde. Das rührt daher, weil dieser Akkord in der Kadenz sehr dramatisch wirkt, z. B. in d-moll:

[spielt “d – f – a – d'”]

… dann der Neapolitaner:

[spielt “g – b – es”]

… und jetzt zur Dominante:

[spielt “e”]

… und dieser Tonschritt:

[spielt “es – e”]

…nicht nach unten:

[spielt “es – d”]

… sondern nach oben:

[spielt “es – e” und weiter “cis – a – cis – e – g”]

…macht die Dramatik aus. Man erwartet eigentlich, daß er sich so auflöst:

[spielt “g – b – es – d – b – g”]

… aber nein:

[spielt “g- b – es – e – cis – a” und die Auflösung nach d-moll]

Bach benutzt diesen Neapolitaner sehr häufig, meistens an Stellen, die sehr mystisch wirken, die sich harmonisch sehr weit von der Grundtonart entfernen.

Nun, die Notennamen “b – a – c – h” sind in diesem Stück geklärt, aber warum kommt dieses “es” ebenfalls an sehr prägnanten Stellen vor? Ich habe dann überlegt, ob sie nicht für “Sebastian” stehen könnte.

Aber was ist dann mit dem “j” von “Johannes”?! Das existiert als Notenname ja nicht! Doch, vielleicht könnte dieser Vorname zu “Giovanni” umgedeutet werden – und dann hätten wir ein “g”:

[spielt “g – b – es”]

… das ist der Grundton des Neapolitaners.

Aus welchen Tonhöhen besteht nun der Neapolitaner? Aus einem “g”:

[spielt “g – es – b”]

… “es”, “b”. Das sind demnach die Initialen von Bach (JSB).

Ich glaube tatsächlich, daß er diesen Akkord mit seinem Namen in Verbindung gebracht hat. Ich habe danach, lange Zeit später, per Zufall, im deutschen Wikipedia-Beitrag zu Bach eine Unterschrift gefunden, wo er als “Giov.” unterzeichnet.

Also, da fand ich mich mit meiner Vermutung bestätigt.

Und dieses “es” hat noch ein Pendant, nämlich das “e”:

[spielt “es” und danach “e”]

Es gibt in diesem Werk Stellen, wo Bach das “e” durch ein “es” ersetzt und umgekehrt, ein “es” durch ein “e”.

Z. B. hebt er das “e” nochmals am Schluß besonders hervor:

[spielt Takt 255]

Bach Digital

Die Spitzentonhöhe ist ein “e”.

Er hätte auch:

[spielt nochmals Takt 255 und ersetzt die Spitzennote “e” durch ein “es”]

… schreiben können. Das “es” hat eine völlig andere Wirkung.

Also, das “e” erlangt eine Dominanz in diesem Stück, – und ich habe eine Vermutung, warum. Aber das ist nur eine Vermutung, wenn ich sie ausspreche, dann geht sie nicht mehr aus dem Kopf heraus, und deswegen mache ich das nicht. Aber ich glaube, daß er mit dem “e” auch noch etwas verbunden hat.

Michael Bach


Anmerkung:

Dies ist ein Teil eines Vortrags, der innerhalb der Einführung zum Projekt “IM KLANGSTROM” von Renate Hoffleit und Michael Bach Bachtischa in Ulm am 07 Dezember 2018 auf der Wilhelmsburg gehalten wurde.